
Ein halber Tag ist kein Drama
Kaum kündigt die Politik an, den unterrichtsfreien 1.-Mai-Nachmittag zu streichen, ertönt aus den Lehrerzimmern der kollektive Aufschrei: «Schon wieder ein Angriff auf unsere Arbeitsbedingungen!» Der Schulleiterverband warnt vor «fehlender Wertschätzung» und «spürbarer Wirkung auf die Moral». Man könnte fast meinen, es handle sich um eine bildungspolitische Katastrophe – dabei geht es um einen halben Tag.
Natürlich, Lehrerinnen und Lehrer haben es nicht leicht. Die Klassengrössen wachsen, die Eltern werden fordernder, und die Administration frisst immer mehr Zeit. Aber Hand aufs Herz: In welchem Beruf ist das heute anders? Ob Pflegende im Spital, Polizisten im Nachtdienst oder Handwerker bei Wind und Wetter – sie alle stehen täglich unterDruck, ganz ohne «symbolische Zeichen der Wertschätzung» in Form einesfreien Nachmittags.
Gerade deshalb wirkt der Aufschrei aus der Bildungsbranche so schal. Der Berufsstand, der seinen Schülerinnen und Schülern Durchhaltevermögen, Disziplin und Kritikfähigkeit beibringen will, zeigt selbst bei kleinsten Zumutungen erstaunlich dünne Haut. Vielleicht wäre etwas mehr Gelassenheit und etwas weniger Selbstmitleid angebracht. Wer ständig auf die eigene Belastung verweist, riskiert, dass irgendwann niemand mehr zuhört.
Denn, bei allem Respekt: Wer jedes Jahr rund 13 Wochen unterrichtsfreie Zeit hat, sollte mit einem gestrichenen Nachmittag leben können. Rechnet man das auf ein Berufsleben von 42 Jahren hoch, ergibt das satte zehn Jahre ohne Unterricht. Natürlich, nicht alle davon sind Ferien – Korrekturen, Vorbereitungen, Weiterbildung. Aber seien wir ehrlich: Auch andere Berufsleute bilden sich weiter – einfach am Abend, nach Feierabend.
Und während mancher Berufstätige noch bis am Mittag des 24. Dezembers arbeitet, läuten die Schulglocken am 19. Dezember das letzte Mal im alten Jahr. Dafür gibt es keine Häme, sondern die nüchterne Feststellung: Das Privileg, junge Menschen zu begleiten, ist ein grosses. Und ja, es darf auch anstrengend sein.
Bildung ist wichtig, gute Lehrpersonen sind Gold wert. Doch wer immerzu nach Anerkennung ruft, verliert mit der Zeit an Glaubwürdigkeit. Statt bei jeder kleinen Änderung gleich die «fehlende Wertschätzung» zu beklagen, wäre Ehrlichkeit die bessere Haltung: «Wir haben es gut – und wir wollen es so behalten.» Verständlich. Menschlich sogar. Nur: Dann bitte ohne Drama.





