99 Grad in der alten Turnhalle
Mit seinem aktuellen Programm «99°C – Wortspiele am Siedepunkt» gastierte der Slam Poet und Kabarettist Kilian Ziegler beim ersten Anlass des Jahres von Kulturi Leerau in Moosleerau. In der vollbesetzten alten Turnhalle zeigte der Wortakrobat, wie Sprachwitz kurz vor dem Überkochen klingt.

Mit intelligenten Wortspielen, pointierten Beobachtungen und feiner Ironie brachte der in Olten lebende Kabarettist Kilian Ziegler sein Publikum zum Lachen – das Wasser im Sieder jedoch blieb bewusst unter dem Siedepunkt. Bei 99 Grad Celsius sei Schluss, erklärte Ziegler augenzwinkernd, dann ziehe er den Stecker.
Kostproben seiner Sprachgewandtheit wie «Setzen wir uns zusammen, um uns auseinanderzusetzen» oder «Irgendwo isst eine Atheistin eine Götterspeise» wurden mit Ovationen quittiert – bis in die letzte Reihe. Auch Seitenhiebe gegen das Schweizer Fernsehen liess sich der 40-Jährige nicht entgehen: «Alt ist man, wenn man nicht nur SRF schaut, sondern es auch gut findet.» Ob er selbst lieber internationale Kanäle konsumiert, liess er offen. Sein Witzerepertoire jedenfalls speist sich nicht nur aus Schweizer Tälern.
Charmant selbstironisch präsentierte Ziegler zudem ein Spendenkonto für «bessere Witze» in Form eines QR-Codes auf der Leinwand. Eigenmarketing, so zeigte sich, schadet einem Kabarettisten nicht – vor allem, wenn es so unterhaltsam verpackt ist.
Der wortgewandte Künstler verstand es, die Spannung mit zweideutigen Andeutungen, präziser Mimik und spontanen Reaktionen auf Zwischenrufe hochzuhalten. Die Nähe zum Publikum kam ihm dabei entgegen; die überschaubare alte Turnhalle erwies sich als idealer Spielort. Johlen begrüsste ihn nach der Pause, und die zweistündige «Sprechzeit» nutzte er konsequent aus.
Auf witzige und zugleich kluge Weise zeigte Kilian Ziegler auf, wie man in einer sich stetig erwärmenden Welt kühlen Kopf bewahrt, Gemüter erhitzt und trotzdem cool bleibt. Denn spannend ist nicht der Moment der Explosion – sondern der Augenblick kurz davor. Eben bei 99 Grad Celsius.Alfred Weigel