Abgerutscht

Gedanken
Abgerutscht
Ich weiss nicht, wie es passieren konnte, aber ich bin wieder einmal abgerutscht. Abgerutscht an einen Ort, an dem ich eigentlich nicht sein möchte. Abgerutscht an einen Ort, an dem ich mich frage, was ich hier erwartet habe. Abgerutscht in die Kommentarspalten über den Eurovision Song Contest.
Hier kommen Menschen freiwillig hin, nur um mitzuteilen, dass sie «den ESC eh nicht schauen», dass «das doch keine Musik sei» und dass «früher sowieso alles besser war».
Und ich frage mich ernsthaft: Warum?
Warum kommentiert man unter einem Thema, das einen angeblich überhaupt nicht interessiert? Niemand geht in eine Bäckerei, zeigt auf ein Gipfeli und ruft: «Ich esse übrigens gar keine Gipfeli!» Niemand stellt sich vor ein Open-Air-Konzert und schreit: «Ich höre nur Vinyl!» Aber online scheint genau das ein Hobby geworden zu sein. Früher dachte man sich: «Gefällt mir nicht» – und lebte weiter. Heute wird scheinbar aus jeder Geschmacksfrage eine Grundsatzdebatte gemacht.
Dabei wäre Kritik ja völlig legitim. Natürlich darf man Songs schlecht finden. Natürlich darf man finden, dass manche Auftritte überladen oder manche Beiträge austauschbar sind. Aber zwischen Kritik und reflexartigem Heruntermachen liegt ein Unterschied. «Das ist nicht mein Geschmack» ist eine Meinung. «Das ist keine Musik» beendet schon jede Diskussion, bevor sie hätte beginnen können.
Besonders faszinierend finde ich das nostalgische «Früher war alles besser». Aber welches «früher» genau ist gemeint? Die Zeit, als Menschen dieselben empörten Kommentare über Lordi schrieben? Oder über Conchita Wurst? Oder ABBA?
Bei diesen Kommentaren geht es doch auch gar nicht um Musik. Eher wohl um Zugehörigkeit. Wer schreibt «Ich schau diesen Müll nicht», signalisiert: Ich gehöre nicht zu denen da. Ich bin klüger und geschmackvoller. Die Kommentarspalte wird zum Ort, an dem man sich gegenseitig bestätigt, dass man über den Dingen steht – während man gleichzeitig erstaunlich viel Zeit damit verbringt, sich über etwas zu empören, das man angeblich ignoriert.
Dabei wäre der Grundgedanke des ESC doch so ein schöner. Ein Abend, an dem Europa versucht, gemeinsam Spass zu haben und zusammen eine riesige Party zu feiern. Chaotisch, kitschig, glitzernd, manchmal peinlich — aber mit Begeisterung und in diesem Jahr eben mit etwas «Bangaranga».
Aber ich fürchte, ich werde auch im nächsten Jahr wieder in die Kommentarspalten abrutschen. Vermutlich, weil auch ich mich manchmal gerne etwas empöre. Über Dinge oder in diesem Fall eben Menschen, die ich nicht verstehen kann.