Als die Schweiz auf die Telli schaute
Vor über 40 Jahren besuchte das Schweizer Fernsehen spontan eine Familie in der Aarauer Telli. Im Mittelpunkt stand der 12-jährige Patric Egger – und mit ihm das Leben in der damals noch jungen Grossüberbauung.

Am 24. Mai 1983 fuhr ein Sendewagen des Schweizer Fernsehens in die Tiefgarage der Telli. Wenig später klingelte der junge Moderator Kurt Aeschbacher bei Familie Egger im sechsten Stock. Der 12-jährige Patric öffnete die Tür – und war kurz darauf live im Schweizer Fernsehen zu sehen.
Der Besuch war Teil der «Karussell»-Serie «Dörfed mer inecho?». Bewohnerinnen und Bewohner einer zuvor bestimmten Siedlung konnten mit einem Tuch aus dem Fenster signalisieren, dass sie für einen spontanen Hausbesuch bereit waren. Patric Egger fiel mit einer gelben Totenkopffahne auf.
Auf dem Sofa erzählte der Sechstklässler Aeschbacher von der Schule und seinem Leben in der Telli, präsentierte seine Kanarienvögel und spielte auf der Hausorgel einen Countrysong.
«Hier will ich nicht mehr weg»
Bemerkenswert ist aus heutiger Sicht, wie Patric Egger die damals noch junge Grossüberbauung beurteilte. Von aussen seien die Blöcke zwar «gruusig» und die riesige Tiefgarage manchmal unheimlich. Die Wohnung, die autofreie Umgebung und die Nachbarschaft gefielen ihm hingegen sehr. Für ihn stand fest: Hier wollte er nicht mehr weg.
Die Telli war damals eines der grössten städtebaulichen Projekte der Region. Die ersten 417 Wohnungen waren knapp zehn Jahre zuvor bezogen worden, der vierte und letzte Grossblock folgte 1991. Ursprünglich sollte die Siedlung rund 4500 Menschen in 1250 Wohnungen Platz bieten. Das Projekt polarisierte: Während Kritiker die Hochhäuser als «Staumauern» verspotteten, schätzten viele Bewohnerinnen und Bewohner das Leben im Quartier.
Wiedersehen Jahrzehnte später
Patric Egger lebt heute nach einigen Jahren in Zürich in Biberstein – mit Blicknähe zu seiner früheren Heimat. Der gelernte Rettungssanitäter und Anästhesiepfleger holte später die Matura nach und ist heute mit einer Firma für medizinische Schulungen und Kurse selbstständig.
An seiner positiven Erinnerung an die Telli hat sich nichts geändert. Er habe dort eine sehr schöne Kindheit verbracht. Auch der Fernsehauftritt blieb ihm in Erinnerung – nicht zuletzt, weil er dafür vom Schweizer Fernsehen ein Fahrrad geschenkt bekam.
2018 schloss sich der Kreis: In einer Sondersendung zum 40-jährigen Fernsehjubiläum von Kurt Aeschbacher war Egger erneut zu Gast und erinnerte sich an jenen ungewöhnlichen Fernsehbesuch in der Telli. Fabian Furter/LA
stadtgeschichte-aarau.ch
Die «Aargauer Zeitung» und der «Landanzeiger» veröffentlicht in Kooperation mit «Stadtgeschichte Aarau» in regelmässigen Abständen Beiträge zu laufenden Recherchen: www.stadtgeschichte-aarau.ch. Im Laufe des Projekts «Stadtgeschichte Aarau» lädt das Team des Stadtmuseums mit «Dini Gschicht – Eusi Stadt» die Bevölkerung von Aarau ein, ihre Geschichte mitzuprägen. Kommt an einem der Anlässe vorbei, hört zu oder erzählt selbst. Nächstes Datum: 28. August, 15 bis 20 Uhr, Pop-up beim Telliplatz.