Auf den Spuren der grossen Schwester

Der Buchser Quirin Lutz lebt von Geburt an mit einer Cerebralparese. Die körperlichen Einschränkungen hindern ihn jedoch nicht daran, als Gartenbauer tätig zu sein und intensiv Sport zu treiben. Sein Ziel: die Teilnahme an den Paralympics 2028 in Los Angeles.

Lässt sich durch seine Cerebralparese nicht einschränken: Quirin Lutz.Bilder: agu

Lässt sich durch seine Cerebralparese nicht einschränken: Quirin Lutz.Bilder: agu

Michaela Burgherr sagt über Quirin Lutz: «Er weiss sich immer zu helfen.»

Michaela Burgherr sagt über Quirin Lutz: «Er weiss sich immer zu helfen.»

Seine «Chefin» Michaela Burgherr sagt über ihn: «Er ist ein Sonnenschein, immer gut gelaunt.» Sie nehme ihn als «unheimlich positiven Menschen» wahr. «Ihn kann scheinbar nichts erschüttern.» Der Mann, der diese verbalen Blumen erhält, heisst Quirin Lutz, ist 21 Jahre alt, wohnhaft in Buchs. Und: Er kam mit einer Cerebralparese zur Welt.

Mit der rechten Hand ist er motorisch eingeschränkt, in den Beinen und auch im rechten Arm weist er ein Kraftdefizit auf. «Ich musste schon immer damit klarkommen und mache einfach alles, so gut es geht.» Seit dem vergangenen August arbeitet er als Gartenbauer bei der Burgherr Garten AG in Muhen. Zuvor hatte er eine zweijährige Lehre als Fachmann Betriebsunterhalt bei der Gemeinde Suhr absolviert und danach bei einem anderen Unternehmen im Gartenbau gearbeitet.

Lutz fühlt sich als vollwertiges Teammitglied. Die Mitarbeitenden wüssten um seine Einschränkungen und nähmen Rücksicht auf ihn. Aber seine Behinderung schränke ihn im Arbeitsalltag nicht gross ein. «Und ich bin sehr ehrgeizig. Was gemacht werden muss, wird halt gemacht», sagt er und schmunzelt. Michaela Burgherr, Personalverantwortliche und Frau des Geschäftsführers Stefan Burgherr, lobt: «Er weiss sich immer zu helfen.»

«Hier habe ich mich gleich willkommen gefühlt»

Sie erhalte auch von den anderen Mitarbeitenden sehr positive Rückmeldungen zu Quirin. «Alle arbeiten sehr gerne mit ihm zusammen.» Mit seiner Art könne er seine körperlichen Einschränkungen «längstens kompensieren», ist sie überzeugt. Lutz wiederum gefällt es in seinem neuen Betrieb «tipptopp». Bei seinem früheren Arbeitgeber habe eine viel hierarchischere Kultur vorgeherrscht. Jetzt könne er in einem «lässigen» Team arbeiten. «Hier habe ich mich gleich willkommen gefühlt.»

Vor ein paar Monaten hat Quirin Lutz sein Pensum bei der Burgherr Garten AG von 100 auf 80 Prozent reduziert. Grund ist seine Sportkarriere, die so langsam Fahrt aufnehmen soll. Lutz fährt Radrennen. Im Winter trainiert er jeweils einmal pro Woche im Velodrome in Grenchen, im Sommerhalbjahr wöchentlich bis zu zehn Stunden auf regionalen Strassen. Am Freitag oder am Wochenende dauerten die Ausfahrten bis zu fünf Stunden. Zudem legt er den Arbeitsweg von Buchs nach Muhen meistens mit dem Velo zurück. Quirin Lutz kann sich vorstellen, dereinst sein Arbeitspensum weiter zu reduzieren oder sogar ganz auf die Karte Sport zu setzen. «Eigentlich ist es mein Ziel, mein Hobby zum Beruf zu machen.»

In seiner Kindheit hatte Quirin Lutz während über zehn Jahren Eishockey gespielt – so wie seine beiden älteren Geschwister. Seine Schwester Lena-Marie Lutz ist zweifache Olympiateilnehmerin und konnte im Februar in Mailand mit der Schweizer Auswahl die Bronzemedaille bejubeln.

Nach einer längeren Sportpause fing er vor ein paar Jahren mit dem Radsport an; vorerst hobbymässig. Doch dann habe ihn plötzlich der Ehrgeiz gepackt. Seine Schwester stellte den Kontakt zu einem Parasport-Verantwortlichen her, und so zählt er seit vergangenem Herbst zum Förderkader des Swiss Para-Cycling Teams. Erste Renneinsätze im Ausland liegen bereits hinter ihm: Anfang Jahr belegte er bei einem Weltcupeinsatz in Thailand die Plätze drei und vier.

All dies geht nur, weil er auf Verständnis und Entgegenkommen seines Arbeitgebers zählen kann. Dafür ist Lutz sehr dankbar. Michaela Burgherr sagt dazu: «Quirin ist sehr gut organisiert. So lässt sich das alles planen.»

Eine Olympiamedaille als grosses Ziel

Weitere Renneinsätze dürften bald folgen. In der letzten Juni-Woche wird Lutz voraussichtlich an der Schweizer Meisterschaft teilnehmen, im September wohl auch an der Weltmeisterschaft in den USA. Das alles sollen jedoch nur Zwischenschritte sein. «Mein ganz grosses Ziel ist Los Angeles 28, Olympia. Das will ich erreichen.» Auf Nachfrage gibt er mit einem verschmitzten Lächeln zu, dass er zu gerne der Schwester nacheifern würde.

Und hat er das Ziel Olympiateilnahme dann mal erreicht, soll es nicht beim Mitmachen bleiben. «Es ist schon das Ziel, etwas heimzuholen», sagt er. Forsch formuliert er eine Medaille als Ziel. Auch diesbezüglich hat ihn seine Schwester Lena-Marie auf den Geschmack gebracht. Achim Günter