BTV Aarau Volley fordert Favorit bis zum letzten Ball

Die Frauen des BTV Aarau haben bei ihrer Premiere in der höchsten Schweizer Volleyball-Liga gegen Sm’Aesch Pfeffingen einen begeisternden Auftritt hingelegt. Vor 475 Zuschauern verwandelte der Aufsteiger die Berufsschulhalle in einen Hexenkessel, trotzte dem Favoriten beim 2:3 den ersten NLA-Punkt ab – und zeigte neben dem Feld, dass Aarau für das Abenteuer NLA bereit ist.

Samstagmorgen, 8 Uhr. Bis zum ersten Aufschlag dauert es noch zwölf Stunden. Doch in der Sporthalle der Berufsschule Aarau herrscht bereits Hochbetrieb. Tribünenteile werden aufgebaut, digitale Werbebanden montiert, der neue Screen getestet. Im Foyer entsteht ein Restaurant, grossformatige, beleuchtete Spielerinnenporträts werden platziert. Selbst die Mannschaft packt vor dem Abschlusstraining mit an.

Wo normalerweise Schulsport stattfindet, entsteht Stück für Stück eine Volleyball-Arena. Draussen macht ein rund vier Meter grosser Volleyball auf die historische Premiere aufmerksam. Und über allem schwebt eine Frage: Wird Aarau diesen Aufwand honorieren?

Das Wetter hilft nicht. Es regnet in Strömen.

«Wir sind gekommen, um zu bleiben»
Drei Stunden vor Spielbeginn präsentiert sich der BTV seinen Sponsoren. Trainer Timo Lippuner spricht über die vergangenen Monate, seine Philosophie und das Ziel für die erste Saison: Die Playoffs, also ein Platz unter den ersten acht Mannschaften, sollen es sein. «Wir sind gekommen, um zu bleiben», sagt er.

Zum Auftakt wartet allerdings ein Gegner, der kaum anspruchsvoller sein könnte. Sm’Aesch Pfeffingen zählt Lippuner zu den Medaillenanwärtern. Seine Forderung: «Wir wollen ein unbequemer Gegner sein.»

Eine halbe Stunde vor Spielbeginn ist klar: Aarau hat Lust auf NLA-Volleyball. Die Tribüne wirkt bereits voll – und draussen stehen noch immer Menschen an der Kasse. Vier Trommler und Paukisten bringen sich in Position. Ohrschützer werden verteilt. Dann betreten die Mannschaften das Feld.

475 Menschen sind gekommen.

Erst Nervosität, dann ein Ausrufezeichen

Der Start scheint zunächst die Kräfteverhältnisse zu bestätigen. Aarau liegt schnell 0:5 zurück. Die Nervosität ist greifbar, Sm’Aesch kommt zu einfach zu seinen Punkten.

Doch dann passiert etwas, das an diesem Abend noch mehrfach zu beobachten sein wird: Diese Mannschaft lässt sich nicht abschütteln. Aarau kämpft sich auf 5:5 zurück. Die Halle ist da. Der Favorit muss arbeiten. Den ersten Satz holt sich Sm’Aesch dennoch mit 25:18.

Im zweiten Durchgang liegt der BTV erneut 4:8 hinten. Wieder folgt die Antwort. Aarau dreht den Satz und gewinnt 25:20.

Plötzlich liegt eine Überraschung in der Luft.

«Die packen wir», sagt eine ältere Frau mit Aarauer Fanschal. Dann zeigt sie aufs Spielfeld: «Das dort ist meine Enkelin. Die macht das super.»

Der dritte Satz holt alle auf den Boden zurück. Sm’Aesch erhöht das Tempo und fertigt den Aufsteiger mit 25:10 ab. Genau solche Momente dürften zur neuen Realität gehören. Aarau hat in der vergangenen Saison fast nur gewonnen. In der NLA werden Fehler härter bestraft.

Maskottchen «Eagy», ein übergrosser Plüschadler, versucht die Halle wieder aufzuwecken. Es funktioniert.

Um 21.48 Uhr ist der erste Punkt Tatsache

Der BTV kommt zurück. Schon wieder. Im vierten Satz halten die Aarauerinnen dagegen, kämpfen um jeden Ball und gewinnen 25:22.

Es ist 21.48 Uhr. 2:2 nach Sätzen.

In diesem Moment steht fest: Der erste NLA-Punkt der Vereinsgeschichte ist gewonnen. Und weil dies offenbar noch nicht historisch genug ist, gehören die Aarauer Resultate und die Tabelle nun auch zum festen Inventar des Teletexts.

Doch jetzt will diese Mannschaft mehr.

Im Tiebreak zieht Sm’Aesch auf 10:5 davon. Das müsste es gewesen sein. Ist es aber nicht. Angetrieben von einer inzwischen völlig entfesselten Halle startet Aarau die nächste Aufholjagd. Sieben Punkte in Serie bringen den Aussenseiter zurück.

Der Favorit wankt.

Aber er fällt nicht.

Mit 15:13 holt sich Sm’Aesch den Entscheidungssatz und gewinnt die Partie 3:2. Zwei Punkte fehlen Aarau zur perfekten Premiere.

«Das macht mich sehr stolz»

Lippuner muss nach dem Spiel nicht lange nach dem Positiven suchen. «Vor dem Match hätte wohl jeder ein 0:3 erwartet. Dass wir als Aufsteiger einen Mitfavoriten um den Titel über fünf Sätze fordern konnten, macht mich sehr stolz.»

Gleichzeitig hat der Trainer gesehen, was die neue Liga verlangen wird. «Wir müssen auf diesem Niveau am Limit spielen, um mithalten zu können. Und wenn man ständig am Limit spielt, passieren Fehler. Das gehört zu unserem Lernprozess.»

Der BTV will genau diesen Lernprozess. Das Projekt «YOUNG. SWISS. NLA.» setzt bewusst auf junge Schweizer Spielerinnen und deren Entwicklung. Entsprechend ordnet Lippuner auch diesen beinahe märchenhaften Auftakt ein: «Jetzt können wir nicht sagen: Super Auftakt, wir sind angekommen. Jetzt beginnt die Arbeit erst richtig. Wir müssen diese Leistung in jedem Match wieder bringen.»

Mehr als ein Volleyballspiel

Dass der Aufstieg nicht nur auf dem Feld stattfindet, wird an diesem Abend überall sichtbar. Sportchef Harry Gloor steht in einer Halle, die mit Tribünen, LED-Banden, Screen, Musik, Gastronomie und professionellem Livestream kaum mehr an eine gewöhnliche Schulsporthalle erinnert.

«Wenn die Mannschaft jeden Tag alles gibt, dürfen wir uns als Organisation ebenfalls nicht lumpen lassen», sagt Gloor. «Unser Anspruch ist, aus einer Turnhalle eine Eventhalle zu machen.»

Dahinter steckt eine Philosophie. Der BTV möchte sich den Platz in der NLA nicht mit kurzfristigen Investitionen erkaufen. «Wir holen nicht einfach Spielerinnen, nur damit wir irgendwie in die Top 3 kommen. Unser Weg muss finanzierbar und nachhaltig sein.»

Gleichzeitig soll rund um die Heimspiele etwas entstehen, das über den Sport hinausgeht. «Wir wollen nicht einfach nur ein Volleyballspiel anbieten. Wenn der Event rundherum Spass macht, gibt es für die Leute einen Grund, wiederzukommen.»

«Nächstes Mal nehmen wir Freunde mit»

Kurz nach dem letzten Ballwechsel stehen die Zuschauer auf und applaudieren. Nicht aus Höflichkeit. Diese Mannschaft hat sich den Applaus mit fünf Sätzen, unzähligen Rettungsaktionen und einer bemerkenswerten Portion Widerstand verdient.

«Wir kommen wieder, das war richtig toll», sagt ein Ehepaar auf dem Weg nach draussen. Und fügt einen Satz an, der für den BTV an diesem Abend fast genauso wertvoll sein dürfte wie der erste NLA-Punkt: «Nächstes Mal nehmen wir unsere Freunde mit.»

Während Spielerinnen, Trainer, Sportchef und Präsident noch Gratulationen entgegennehmen, beginnt hinter den Kulissen bereits die nächste Schicht. Helferinnen und Helfer tragen Material zusammen, bauen Tribünen und Technik ab. Aus der NLA-Arena muss wieder eine Berufsschulturnhalle werden.

Ein paar Stunden zuvor hatte Harry Gloor gesagt: «Wenn die Mannschaft für die Leute geht, die Leute für die Mannschaft und der ganze Verein zusammensteht, dann haben wir genau das geschaffen, was wir wollten.»

Nach diesem Abend weiss man, was er damit meint.

Und wer bei dieser Premiere zu Hause geblieben ist, hat jetzt immerhin eine zweite Chance: beim nächsten Heimspiel, am Samstag, 24. Oktober, um 20.00 Uhr, gegen den amtierenden Meister VBC NUC. Raphael Nadler