Der Grossvater fährt auch immer mit
Seine Siegesserie nimmt schon fast unheimliche Züge an. Seit nunmehr 17 Rennen musste sich der Suhrer Bergrennfahrer Robin Faustini nicht mehr bezwingen lassen. Beim «Heimrennen» am Sonntag in Reitnau geht er einmal mehr als Topfavorit ins Rennen – und mit einem klaren Ziel.
Die Geschichte, die Robin Faustini zu erzählen hat, mutet schon fast ein wenig surreal an. Es ist die Geschichte eines Jungen, der seinem Vater nacheiferte, gefördert und motiviert vom Grossvater. Von jenem Grossvater, der schliesslich just am Tag des allerersten Renneinsatzes seines Enkels verstarb.
Zehn Jahre sind seither vergangen. Aus dem damaligen Nobody wurde inzwischen ein Seriensieger, der dominante Fahrer bei Schweizer Bergrennen schlechthin. Seine Siegesserie, gestartet im September 2023 mit seinem Premierensieg beim Schweizermeisterschaftslauf in Les Paccots, umfasst inzwischen 17 Rennen. 17 Rennen in den Saisons 2023, 2024, 2025 und 2026, in denen der Sieger am Ende stets Robin Faustini hiess. Seitdem der 28-jährige Suhrer Ende 2023 sein aktuelles Fahrzeug Nova Proto NP01 Turbo erworben hat, scheint er unbesiegbar zu sein. Der gelernte Sanitärinstallateur, der inzwischen im Aussendienst tätig ist, hat auch bei den zwei Bergrennen in diesem Jahr, in Hemberg und La Roche-La Berra, wieder triumphiert.
Die Berg-Europameisterschaft als «grosser Traum»
Dabei hätte er in diesem Jahr eigentlich auf der europäischen Bühne auftrumpfen wollen, bei der Berg-Europameisterschaft. Diese Pläne musste er aber vorderhand verschieben. «Das ist aus finanziellen Gründen derzeit nicht machbar.» Er müsste sein Auto entweder kostspielig umbauen lassen, weil es in der gegenwärtigen Form für die EM nicht zugelassen ist. Oder einen Käufer für seinen Nova Proto NP01 Turbo finden und mit dem Erlös ein Fahrzeug für die EM erwerben.
Aufgeschoben ist jedoch nicht aufgehoben. «Es ist nach wie vor ein grosser Traum und ein grosses Ziel.» In den nächsten beiden Jahren soll es klappen mit dem Sprung auf die europäische Bühne.
Noch begeistert Faustini das Publikum in der Schweizer Bergmeisterschaft. Am kommenden Wochenende in Reitnau – auf einer Strecke, die er so gut kennt wie kaum eine andere. Schon als Dreikäsehoch war er erstmals vor Ort. Ab 2011 begleitete er dann seinen Vater Simon Hugentobler jährlich ans Bergrennen Reitnau; dieser gab in jenem Jahr sein Comeback im Motorsport und bestritt fortan regelmässig Bergrennen.
Faustini selbst nahm inzwischen auch schon einige Male teil, erstmals 2016, als gerade einmal 18-Jähriger – und nur wenige Wochen nach dem bisher «traurigsten Tag» seines Lebens. Am 8. Mai 2016 nahmen Robin Faustini und dessen Vater Simon Hugentobler am Bergrennen von Eschdorf in Luxemburg teil. Der Grossvater Rolf Hugentobler, seit Monaten mit einer unheilbaren Krebserkrankung konfrontiert, hatte dies explizit so gewünscht.
Nach Erhalt seiner niederschmetternden Diagnose Ende 2015 habe er noch einige letzte Ziele formuliert, erinnert sich Faustini. Eines davon lautete: Er wolle noch miterleben, wie sein Enkel sein erstes Rennen bestreitet. Auf abgekürzte Weise kam dieser zu seiner ersten Rennlizenz – und nahm schliesslich am ersten möglichen Bergrennen der Saison überhaupt teil.
Vor Ort mitfiebern konnte der Grossvater damals nicht mehr. Sein Zustand hatte sich zu sehr verschlechtert. Aber er hatte gesagt, dass er die Rennen von zuhause aus verfolgen werde. Das tat er denn auch – und konnte schliesslich im Laufe des Tages, zwischen Lauf 2 und 3 seines Enkels, loslassen.
Der Verlust seines Grossvaters, der in den Jahren zuvor seinen Sohn und Enkel auf vielfache Weise unterstützt und deren Karrieren gefördert hatte, traf Robin Faustini schwer. «Aber heute ist das die Freude und Motivation dahinter. Ich weiss, ich habe eine Verbindung zu ihm, wenn ich Rennen fahre.»
Auch am Sonntag in Reitnau wird Grossvater Rolf irgendwie mitfahren. Sein «Heimrennen» ist in den Augen des Suhrers «sicher eines der härtesten Rennen». Sehr technisch und immer stark besetzt. Umso mehr freut er sich, wenn er gewinnt. «Wenn man als Tagessieger auf die Rückführung darf und vom ganzen Publikum gefeiert wird, ist das unbeschreiblich, unheimlich schön.»
Nochmals eine Verbesserung seines Streckenrekords?
Sämtliche seiner Sponsoren, Unterstützer und Familienangehörigen stammen aus dem nahen Aargau und sind jeweils zugegen, um ihn anzufeuern. «Das macht es sehr speziell. Es gibt eine Anspannung, ein sportliches Ziel, ich bin aber umgeben von ganz vielen tollen Personen. Für mich ist «Reitnau» immer ein Highlight, weil die Leute dort natürlich einen Aargauer speziell unterstützen.»
2025 gelang ihm der Sieg, sogar mit Streckenrekord: 47.20 Sekunden. Und heuer, ist eine Steigerung möglich? «Ja, das muss dieses Jahr nochmals besser gehen», sagt er und lacht. «Das Ziel wäre, unter 47 Sekunden zu fahren.» Wenn das mal keine Ansage ist! Achim Günter
www.vereinbergrennenreitnau.ch
190 Fahrzeuge am Bergrennen Reitnau
Die 57. Austragung des Bergrennens Reitnau findet am Wochenende zum dritten Mal unter der Regie des 2023 gegründeten Vereins Bergrennen Reitnau statt. Bereits am Freitagabend ab 19 Uhr ist die Rennfahrerbeiz mit Barbetrieb in der Mehrzweckhalle geöffnet. Am Samstagabend steigt dann die Race Night ebenfalls ab 19 Uhr in der Mehrzweckhalle. Der grosse Höhepunkt, das Bergrennen, beginnt am Sonntag um 6.30 Uhr mit den Trainingsläufen; ab etwa 12 Uhr finden dann die Rennläufe statt. Das Bergrennen Reitnau ist Teil der Schweizer Bergmeisterschaft. Festprogramm ist am Sonntag bis 18 Uhr. Ein Festzelt gibt es dieses Jahr aus Kostengründen nicht mehr. Wie bereits 2025 wird es für Handicapierte eine barrierefreie Zuschauerzone geben. «Die fand letztes Jahr guten Anklang», so Vereinspräsident Marc Buchser. Inklusive Showblock stehen 190 Autos auf der Anmeldeliste; 14 mehr als 2025. Bei den Showdarbietungen, die jeweils zwischen den offiziellen Rennläufen Platz finden, dürfen sich die Zuschauerinnen und Zuschauer auf spektakuläre Fahrzeuge freuen. Der Walliser Marc Fleury wird zum Beispiel eine Driftshow bieten, historische Tourenwagen werden ebenfalls zu bestaunen sein. «Fast jedes Auto, das hier fährt, ist ein Highlight», ist Buchser überzeugt. agu



