Ein Meisterdieb, acht Verdächtige und ein überraschendes Ende
Bühnen-Virus 22 feierte in der Mehrzweckhalle Gränichen die Premiere von «Arsène Lupin und das Collier der Königin». Die Gaunerkomödie überzeugt weniger mit Klamauk als mit Spannung, liebevoll gezeichneten Figuren und einer Auflösung, die selbst geübte Krimifans auf dem falschen Fuss erwischt.
Rund 100 Zuschauerinnen und Zuschauer wollten sich die Premiere von «Arsène Lupin und das Collier der Königin» in der Mehrzweckhalle Gränichen nicht entgehen lassen. Und sie wurden nicht enttäuscht. Wer an diesem Abend eine klassische Komödie mit möglichst vielen Schenkelklopfern erwartet hatte, musste sich zunächst etwas umstellen. Das neue Stück vom Bühnen-Virus 22 ist zwar als Gaunerkomödie angelegt, seine grösste Stärke liegt aber nicht im Dauerfeuer von Pointen. Es ist die Spannung, die das Publikum zunehmend in ihren Bann zieht.
Die Ausgangslage ist vielversprechend: Im Simplon-Nostalgie-Express befindet sich das kostbare «Collier der Königin». Sophie von Falkenstein weiss allerdings, dass ihr Schmuckstück in Gefahr ist. Ein mysteriöser Brief kündigt an, dass es um Mitternacht gestohlen werden soll, und zwar vom legendären Gentleman-Gauner Arsène Lupin. Inspecteur Henri Ganimard, Lupins grosser Widersacher, soll den Coup verhindern. Das Problem: Lupin ist ein Meister der Verkleidung. Jeder und jede im Zug könnte der gesuchte Meisterdieb sein. Damit ist das Spielfeld eröffnet. Und der Bühnen-Virus 22 nutzt es geschickt.
Zwischen Spannung und feinem Humor
Das Publikum wird nicht mit einem Gag nach dem anderen durch die rund zwei Stunden lange Geschichte getrieben. Stattdessen entsteht der Humor oft dort, wo die Figuren einfach so sind, wie sie sind. Da ist etwa Barkeeper Niklaus Sonderegger, gespielt von Oliver Metzger, der seine Arbeitsmoral beziehungsweise deren Grenzen mit entwaffnender Ehrlichkeit erklärt: «Wenn ich schon für vier Leute schuften muss, dann kann ich auch für fünf saufen.» Ein Satz, der beim Publikum für einen der gut verteilten Lacher sorgt.
Je länger die Fahrt des Nostalgie-Zuges dauert, desto mehr Personen kommen als Verdächtige infrage. Die Figuren könnten unterschiedlicher kaum sein: vom arbeitsscheuen Barkeeper über die schusselige Assistentin (Kaya Röösli) bis zum leidenschaftlichen Erfinder, von den Zugbegleiterinnen (Susanne Zaugg und Stefanie Marti) über die deutsche Touristin (Verena Schwizer) und die Immobilien-Baronin (Doris Baschnagel) bis zur Besitzerin des wertvollen Colliers. Die Besetzung umfasst insgesamt zehn Figuren.
Und dann sind da natürlich die beiden zentralen Gegenspieler. Roli Marti gibt den charmanten Gentleman-Gauner Arsène Lupin, Roman Eichenberger seinen brillanten Widersacher Inspecteur Henri Ganimard. Beide wirken so selbstverständlich in ihren Rollen, als seien diese eigens für sie geschrieben worden.
Immer wieder glaubt man, eine Spur entdeckt zu haben. Dann taucht ein neues Detail auf, und schon beginnt die Suche wieder von vorne. Lupin könnte schliesslich praktisch jeder sein. Oder jede. Was genau passiert, wird an dieser Stelle selbstverständlich nicht verraten. Nur so viel: Mit der Auflösung dürfte selbst mancher besonders aufmerksame Zuschauer nicht gerechnet haben. «Mit diesem Ende hätte ich nicht gerechnet» war nach der Vorstellung denn auch eine der wohl häufigsten Reaktionen.
Besonders gelungen ist auch das Drumherum. Bühnen-Virus 22 belässt es nicht bei einer Bühne, einigen Darstellern und einem Textbuch. Das Theatererlebnis beginnt bereits vor dem ersten Satz. Aus den Lautsprechern erklingt Jazzmusik aus den 1920er-Jahren, die Tischdekoration nimmt mit kleinen Modelleisenbahnwagen das Thema Zug auf, und auch in der Pause bleibt die Atmosphäre erhalten.
Noch zwei Aufführungen stehen bevor: am Freitag- und Samstagabend, jeweils um 20 Uhr. Es gibt noch Plätze für beide Vorstellungen. Reservation über buehnenvirus22.ch oder über 079 650 02 48 (17 bis 19 Uhr). Dominique Rubin



