Heidi aus dem Heidiland – mit dem Bündner Kopf

Nach über 30 Jahren zählt sie im Aarauer «Schützen» quasi zum Inventar: Heidi Bolliger. Obwohl eigentlich bereits pensioniert, ist sie unverändert eines der Gesichter des Betriebs und sagt: «Es ist noch immer mein Leben.»

Manuela Schmid und Peter Schneider, die beiden Besitzer des «Schützen», schätzen Art und Arbeit von Heidi Bolliger.Bild: Achim Günter
Manuela Schmid und Peter Schneider, die beiden Besitzer des «Schützen», schätzen Art und Arbeit von Heidi Bolliger.Bild: Achim Günter

«Ich bin s’Heidi.» Gleich zu Beginn macht sie deutlich, dass sie eine nahbare Person ist und sein will. Heidi Bolliger gibt sich unkompliziert und direkt. Aber auch bestimmt. Sie habe einen harten Kopf. Ob es an ihrer Herkunft liegt? «Ich bin eine Bündnerin», sagt sie und lacht laut.

Heidi Bolliger stammt aus Mastrils bei Landquart, aus dem Heidiland also. Der Liebe wegen wurde sie vor 36 Jahren im Unterland heimisch. Die 67-Jährige wohnt mit ihrem Mann in Rombach. Gelernt hat sie einst Sportartikelverkäuferin, aber seit dem Alter von 20 Jahren verdient sie ihr Geld im Service – seit mehr als 30 Jahren im renommierten Gasthof zum Schützen in Aarau.

Am 1. August 1996 trat sie ins «Schützen»-Team ein. An ihren allerersten Arbeitstag erinnert sie sich ganz genau. Nach einer kurzen Einführung sollte sie im Keller Eis holen, fand aber die Eismaschine nicht. Da tauchte der damalige Patron, der Vater der beiden heutigen Besitzer, auf und habe sie schroff gefragt: «Was suchst du?» Sie kleinlaut: «Die Eismaschine, aber ich weiss nicht, wo sie ist.» Er erwiderte kurz angebunden: «Da vorne.» Sie sei, räumt sie ein, schon etwas erschrocken über den Ton.

Dem zähen Auftakt zum Trotz: Heidi Bolliger fügte sich schnell ein, wurde zu einem sehr geschätzten Mitglied des Teams – und findet heute ihrerseits für die Eigentümerfamilie nur lobende Worte. Hans «Hausi» Schneider, der den «Schützen» lange mit seiner Frau Ruth führte und den Betrieb 2014 offiziell an die nächste Generation übergab, bezeichnet sie als «harten, aber guten Chef».

Wirkliche Abwanderungsgedanken habe sie in all den Jahren nie gehegt – auch wenn es auch mal schlechtere Zeiten gegeben und sie sich durchaus Gedanken gemacht habe, ob sie was Neues sehen wolle. Aber die ständig wechselnden Herausforderungen im «Schützen, die lange Leine der Chefs, das ausgezeichnete Verhältnis zur Eigentümerfamilie, der Zusammenhalt im Team – all dies habe sie am Weggehen gehindert.

«Die grösste Unterstützung, die man sich vorstellen kann»

Nach 18 Jahren unter der alten Führung arbeitet sie nun seit zwölf Jahren unter der neuen. «Es wurde viel verlangt von uns Mitarbeitenden. Aber das, was von uns verlangt wurde, haben sie selbst auch vorgelebt. Und das ist auch bei der jetzigen Führung so.»

Manuela Schmid, die den Betrieb mit ihrem Bruder Peter Schneider und dessen Frau Magali in zweiter Generation leitet, bestätigt, dass Bolliger ihren eigenen Kopf habe, eine «richtige Bündnerin» sei. «Heidi sagt, was sie denkt.» Schmid lobt Heidi Bolliger aber auch explizit. Wenn die Vorgaben klar und begründet seien und sie sich mit ihnen identifizieren könne, sei sie «die grösste Unterstützung, die man sich vorstellen kann». Sie sei bodenständig, flexibel und herzlich – und «extrem nervenstark». Mit ihrer Übersicht diene sie vielen Mitarbeitenden als Vorbild.

Sie sei «definitiv eine der tragenden Säulen» des Betriebs, findet Schmid. Von denen gebe es aber noch andere, die gar noch länger Teil des Betriebs seien als Bolliger. 26 Personen gehörten diesem schon mehr als zehn Jahre an. Für Heidi Bolliger ist diese geringe Fluktuation kein Zufall. Die Eigentümerfamilie unterstütze auch bei privaten Problemen. «Sie schaut enorm gut zu ihren Leuten», lobt die 67-Jährige.

Nun, da sie eigentlich längst den Ruhestand geniessen könnte, sagt sie über ihren Job: «Es ist noch immer mein Leben.» Solange ihr die Arbeit Freude bereite und der Körper mitmache, bleibe sie an Bord. «Ich bin unter den Leuten, habe es gut mit dem übrigen Personal. Und ich möchte der Familie Schneider, die jahrelang für Arbeit gesorgt hat, auch etwas zurückgeben.»

Immer nur als Aushilfe angestellt

Bolliger, die primär im Catering eingesetzt wird, aber auch in den Bereichen «A la carte» und «Bankette» arbeitet, war nie festangestellt im «Schützen», sondern immer «nur» Aushilfe im Stundenlohn. Früher arbeitete sie in einem 80-Prozent-Pensum, heute noch zu 40, 50 Prozent.

Und, wie hat sich die Gastronomie in den letzten Jahrzehnten verändert? «Die Leute sind fordernder als früher. Aber da muss man darüberstehen.» Duckmäuserisch, wie man sich leicht vorstellen kann, ist sie aber nicht. Falls nötig, äussert sie sich gegenüber der Kundschaft unverblümt. «Alles muss man sich nicht gefallen lassen.» Den «Bündner Kopf» hat sie auch nach vielen Jahrzehnten im Aargau noch nicht abgelegt. Und wird sie wohl auch nie.

Achim Günter