«Ich setze mich für ein Aarau ein, das blüht»
Die Grünen haben mit Thomas Waldmeier zum ersten Mal einen Einwohnerratspräsidenten. Er wurde an der Sitzung vom vergangenen Montag einstimmig gewählt.

Sie sind der erste Grüne-Einwohnerratspräsident. Was bedeutet Ihnen das?
Es ist mir eine grosse Ehre. Die Grünen sind über die Jahre gewachsen; wir sind heute keine Kleinpartei mehr, sondern eine feste Grösse in der Aarauer Politik, was mich unglaublich freut. Dass wir Grünen nun erstmals das Präsidium stellen dürfen, ist die logische Konsequenz dieser Entwicklung. Dass diese Ehre nun ausgerechnet mir zuteil wird, freut mich enorm. Ich war aber vor allem zur rechten Zeit am rechten Ort.
Worauf freuen Sie sich in Ihrem neuen Amt als Einwohnerratspräsident am meisten?
Auf die gute Zusammenarbeit mit einer Vielfalt an Menschen, die – bei aller politischen Differenz – schlussendlich alle nur das Beste für Aarau wollen.
Was für Eigenschaften braucht der Präsident des Einwohnerrats?
Als Präsident muss man nur gut durch eine Sitzung führen können. Man muss eine Sitzung strukturiert und ruhig leiten können, ohne dabei den Überblick zu verlieren. Geduld ist wichtig, aber das Allerwichtigste bleibt für mich die Menschlichkeit. Ein fairer Umgang auf Augenhöhe sorgt für angenehme Debatten.
Was schauen Sie sich von Ihrer Vorgängerin Anja Kaufmann ab?
Ihre akribische Vorbereitung. Als Juristin hatte sie einen messerscharfen Blick für Paragrafen – das ist für mich als Biologe eine Herausforderung, der ich mit ebenso gründlicher Vorbereitung begegnen werde. Was ich sicher auch weiterführen werde, ist die zeitliche Begrenzung der Sitzung und den Mut, auch mal Geschäfte auf eine nächste Sitzung zu verschieben. Sie hat das eingeführt und es ist wirklich angenehm, denn mit zunehmender Mitternachtsnähe nahm die Qualität der Diskussionen stetig ab. Auch die hervorragende, parteiübergreifende Zusammenarbeit im Ratsbüro möchte ich in ihrem Sinne weiterführen.
Wo liegen Ihre Stärken und wie werden Sie diese als Einwohnerratspräsident einsetzen können?
Als Biologe bin ich ein geübter Beobachter. Ich kann gut zuhören und bringe es gerne auf den Punkt. Ob mir das als Einwohnerratspräsident hilft, werden wir sehen. Bescheidenheit wäre übrigens auch eine Stärke, die manchem Präsidenten gut tun würde.
Mit der Rolle als Präsident sind Sie vor allem mit dem Ratsbetrieb beschäftigt. Fehlt Ihnen da das aktive Politisieren nicht?
Ich glaube, für mich wird es in dieser Hinsicht nicht gross anders. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich dann weniger aktiv politisieren werde. Die politische Arbeit findet ja nicht nur im Rampenlicht des Rednerpults statt. In den Fraktionssitzungen werde ich weiterhin intensiv an Inhalten mitarbeiten und kann mich da aktiv einbringen.
Die Grünen haben weiterhin auch einen Sitz im Stadtrat. Wäre Stadtrat auch mal ein Thema für Sie?
Aktuell stellt sich die Frage nicht, da wir «unseren» Sitz mit Petra Ohnsorg optimal besetzt haben. Alles Weitere ist Spekulation. Sollte sich die Frage irgendwann einmal stellen, werde ich sie mir sicher gründlich überlegen – aber das hängt auch stark davon ab, wo ich zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben stehe.
Was sind Ihre weiteren Ziele in der Politik?
Aarau soll eine Stadt sein mit hoher Lebensqualität. Eine Herzensangelegenheit sind mir mehr Bäume und hochwertige Grünflächen. Als Botschafter der Honig- und Wildbienen setze ich mich ein für ein Aarau, das blüht.
Auf was sind Sie stolz, das Sie in der Politik schon erreicht haben?
Alleine habe ich in der Politik nichts erreicht. Aber ich bin stolz auf unsere Teamleistung. Unsere grüne Fraktion war in den letzten Jahren eine der (wenn nicht sogar die) aktivsten Fraktion im Einwohnerrat. Mit zahlreichen mehrheitsfähigen Vorstössen konnten wir wichtige Akzente setzen. Ein Highlight war 2021 unser Blumenstrauss aus 20 Klimaschutz-Vorstössen, den wir gemeinsam mit der GLP und Unterstützung von SP, EVP und Pro Aarau eingereicht haben. Eine Folge davon war der gut angenommene Gegenvorschlag zur Stadtklima-Initiative und die Verankerung von Klimaschutz und Klimaanpassung in der Aarauer Gemeindeordnung. Die Grünen Aarau können aber mehr als nur Klima: Auch in den Bereichen Biodiversität, Jugend, Bildung und Kinderbetreuung und weiterem konnten wir wichtige Impulse geben.
Wie gross schätzen Sie den Einfluss, den man als Einwohnerrat wirklich hat?
Man kann viel bewegen, wenn man einen langen Atem hat. Manchmal braucht es Geduld und das richtige Timing, um ein Thema mehrheitsfähig zu machen. Aber die Hebelwirkung auf lokaler Ebene ist enorm.
Wer ist Thomas Waldmeier neben der Politik?
Eine Wundertüte. Ich bin studierter Biologe mit Master in Ökologie und besitze das Lehrdiplom für Kantonsschulen. Da solche Stellen rar sind, arbeite ich heute hauptsächlich im Kino Aar-au – eine Leidenschaft, die vor 20 Jahren als Platzanweiser begann. Ausserdem bin ich Imker mit eidgenössischem Fachausweis, weitere Hobbys sind Theaterspielen bei den GaukeLaien Aarau sowie beim Theater@49, das ich mitbegründet habe, ich singe im von mir mitbegründeten Kammerchor C21 und spiele Geige im von mir mitbegründeten Orchester camerata aksademica. Langweilig wird mir also nicht. Und falls doch, gründe ich einfach wieder etwas Neues.
Wo trifft man Thomas Waldmeier an?
Entweder auf einer Bühne (Theater, Musik oder Politik), im Kino oder irgendwo draussen. Beispielsweise beim Training der Aaroutdoor Group Fitness. Ich bewege mich gerne, man trifft mich deshalb auch regelmässig am Aarauer Altstadtlauf.
Was braucht Aarau am dringendsten?
Drei Punkte, die mir besonders am Herzen liegen:
1. Ein neues Schulhaus. Das OSA ist am Zusammenfallen.
2. Weniger Asphalt und Beton, mehr grün. Man kann auf dem Schlossplatz Spiegeleier braten.
3. Durchgängige, attraktive und schwellenfreie Velowege. Auf kürzesten Strecken wird man hundertmal durchgerüttelt.
Liste nicht abschliessend.
Wie wünschen Sie sich das Aarau der Zukunft?
Ich wünsche mir ein Aarau, das aktiv, bewegend, charaktervoll, dankbar, ehrlich, farbig, grossherzig, heiss geliebt, inklusiv, jubilierend, klug, lebensfroh, mutig, neugierig, offen, praktisch, quellfrisch, rassig, sauber, toll, unvergesslich, vielfältig, wohnlich, xenophil und zufrieden ist.
Liste nicht abschliessend.
Interview: Sarah Moll
Wahl Präsidium und Vizepräsidium
Thomas Waldmeier ist 37 Jahre alt und wohnt im Telli-Quartier. Er ist seit dem März 2019 im Einwohnerrat und präsidiert diesen nun in den Jahren 2026/27.
Zur Vizepräsidentin für die kommenden zwei Jahre wurde Cornelia Tschopp von der GLP gewählt. Sie ist seit vier Jahren im Einwohnerrat.