Reto Bianchi: «In fünf Jahren fusionieren wir»

Sozialdiakon, Friedensrichter, vierfacher Vater – und nun höchster Buchser. Reto Bianchi bringt vielfältige Erfahrungen in sein neues Amt als Einwohnerratspräsident ein. Er spricht über respektvolle Debatten, Sparmut mit Augenmass und seine Vision eines fusionierten Buchs-Aarau – ohne dabei die Identität seiner Heimatgemeinde aus den Augen zu verlieren.

Einwohnerratspräsident Reto Bianchi hat klare Vorstellungen, wie er den Rat in den nächsten zwei Jahren führen möchte und wie die Zukunft von Buchs aussehen soll. Bild: RAN
Einwohnerratspräsident Reto Bianchi hat klare Vorstellungen, wie er den Rat in den nächsten zwei Jahren führen möchte und wie die Zukunft von Buchs aussehen soll. Bild: RAN

Herr Bianchi, Sie sind Sozialdiakon, Friedensrichter, ehemaliger Feuerwehrinstruktor und vierfacher Vater und nun auch Einwohnerratspräsident – wann haben Sie eigentlich Feierabend?

Reto Bianchi: Mein Alltag ist vielseitig und oft herausfordernd, aber gerade diese Vielfalt bereichert mein Leben enorm. Feierabend bedeutet für mich nicht nur das Ende der Arbeit, sondern auch die Zeit, in der ich neue Energie tanken kann – sei es im Kreis meiner Familie, bei einem Spaziergang oder in der Sauna. Die Balance zwischen Engagement und Erholung ist mir wichtig, denn sie ermöglicht mir, mit frischem Kopf und positiver Einstellung die Aufgaben des nächsten Tages anzugehen.

Wo kommen Ihnen die besten Ideen?

Oft in ruhigen Momenten, zum Beispiel beim Laufen im Grünen oder beim gemeinsamen Austausch mit anderen Menschen.

Sie wohnen seit 35 Jahren in Buchs. Was bedeutet Ihnen die Gemeinde?

Buchs ist für mich weit mehr als ein Wohnort – es ist meine Heimat, mein Lebensmittelpunkt. Die lange Verbundenheit mit der Gemeinde gibt mir Sicherheit und Motivation, mich für eine positive Entwicklung einzusetzen. Ich schätze das Miteinander und sehe grosse Chancen darin, gemeinsam wirtschaftlich solide und sozial verantwortungsvoll zu handeln.

Wenn Sie als Tier wiedergeboren würden – welches wäre es?

Ich wäre gerne ein Adler. Er steht für Weitblick, Stärke und Freiheit – Eigenschaften, die auch im politischen und wirtschaftlichen Handeln wichtig sind. Der Adler kann Herausforderungen aus der Vogelperspektive betrachten und trifft fundierte Entscheidungen, indem er das grosse Ganze im Blick behält.

Sie waren zwei Jahre Vizepräsident. Was haben Sie in dieser Zeit über Führung gelernt?

In meiner Zeit als Vizepräsident habe ich gelernt, wie wichtig ein offener Umgang und gegenseitiges Vertrauen sind. Gute Führung bedeutet für mich, gemeinsam Ziele zu definieren und die wirtschaftlichen Ressourcen verantwortungsvoll einzusetzen – zum Wohl der Gemeinschaft. Optimismus, Wertschätzung und eine klare Kommunikation sind dabei zentrale Erfolgsfaktoren.

Jetzt stehen Sie an der Spitze des Einwohnerrats: Welche Art Präsident möchten Sie sein?

Ich möchte eine offene und transparente Führungskultur etablieren, in der jede Meinung zählt und respektiert wird. Mir ist es wichtig, als Brückenbauer zwischen verschiedenen Interessen zu agieren – mit einem klaren Blick für wirtschaftliche Entwicklungen und einem starken sozialen Gewissen. Mein Ziel ist es, visionäre Projekte anzustossen, die Buchs zukunftsfähig machen und gleichzeitig die Gemeinschaft stärken. Ich bin überzeugt, dass nachhaltiger Erfolg nur im Miteinander entsteht, daher setze ich auf Dialog, Beteiligung und Wertschätzung.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass die politischen Debatten engagiert, aber respektvoll geführt werden?

Für mich ist eine lebendige Debattenkultur das Herzstück demokratischer Prozesse. Ich werde darauf achten, dass alle Beteiligten ihre Argumente leidenschaftlich, aber immer mit gegenseitigem Respekt austauschen. Durch klare Regeln, eine wertschätzende Moderation und regelmässige Gespräche ausserhalb der Sitzungen möchte ich ein Klima schaffen, das konstruktive Kritik und kreative Lösungsansätze fördert. So können wirtschaftliche und soziale Aspekte gleichermassen berücksichtigt werden, und wir erreichen tragfähige Entscheidungen für Buchs.

Welches Lied haben Sie zuletzt unter der Dusche gesungen?

Beim Duschen ertappe ich mich immer wieder dabei, «Über den Wolken» von Reinhard Mey zu singen. Das Lied bringt für mich Freiheit und Weitblick zum Ausdruck – Werte, die mich auch politisch und persönlich leiten.

Sie sagen selbstbewusst: «In fünf Jahren fusionieren wir.» Ist das Wunschdenken oder politische Prognose?

Die Aussage ist sowohl Ausdruck meines Optimismus als auch eine Einladung zur Diskussion. Ich sehe in einer Fusion grosse Chancen für die wirtschaftliche Entwicklung und die Stärkung sozialer Strukturen. Dennoch ist mir bewusst, dass eine solche Entscheidung nur gemeinsam mit der Bevölkerung getroffen werden kann. Mein Ansatz ist, Chancen und Risiken offen zu kommunizieren, damit wir eine fundierte Grundsatzentscheidung für die Zukunft von Buchs treffen können – visionär, aber immer mit dem nötigen Realismus.

Was wäre für Buchs der grösste Gewinn bei einer Fusion mit Aarau?

Eine Fusion mit Aarau würde Buchs Zugang zu neuen Ressourcen und Synergien verschaffen. Wir könnten gemeinsam innovative Projekte anstossen, die wirtschaftliche Stärke und soziale Angebote verbinden. Gleichzeitig könnten wir von einer grösseren Vielfalt profitieren und die Attraktivität für Unternehmen und Familien erhöhen. Der Austausch von Know-how und die stärkere Vernetzung würden unsere Gemeinde nachhaltig voranbringen.

Und was dürfte Buchs auf keinen Fall verlieren?

Die Identität und das starke Gemeinschaftsgefühl sind unverzichtbar für Buchs. Unsere Traditionen, das Miteinander und die Nähe der Menschen untereinander machen unsere Gemeinde einzigartig. Bei allen Veränderungen und wirtschaftlichen Überlegungen muss diese Verbundenheit erhalten bleiben – sie ist die Basis für ein lebenswertes Buchs.

Kritiker fürchten um die Identität der Gemeinde.

Ich nehme diese Sorgen sehr ernst und möchte sie durch offene Gespräche und transparente Informationen adressieren. Es ist mir wichtig, die Bevölkerung aktiv in den Prozess einzubinden und ihre Anliegen zu berücksichtigen. Mit gezielten Massnahmen können wir sicherstellen, dass die Identität von Buchs bewahrt und sogar gestärkt wird – auch im Rahmen einer Fusion.

Falls die Bevölkerung Nein sagt – wie soll Buchs finanziell und strategisch eigenständig bestehen?

Sollte die Fusion abgelehnt werden, müssen wir unsere wirtschaftlichen Stärken weiter ausbauen und innovative Wege der Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden suchen. Gleichzeitig ist ein gezieltes Investieren in soziale Projekte und Bildung essenziell, damit Buchs eigenständig attraktiv bleibt. Mit einer klugen Finanzpolitik, mutigen Entscheidungen und einem starken Gemeinschaftssinn können wir auch ohne Fusion zukunftsfähig sein. Es ist erforderlich, transparent zu kommunizieren, welche finanziellen Auswirkungen eine Selbstständigkeit für Buchs auf den Steuerfuss haben kann. Allen Beteiligten sollte bewusst sein, dass Eigenständigkeit mit Kosten verbunden ist.

Die Gemeindefinanzen sind angespannt. Wo braucht es Mut zum Sparen – und wo würden Sie niemals den Rotstift ansetzen?

Sparen erfordert Mut und Weitsicht – insbesondere bei Projekten, die nicht unmittelbar zur Lebensqualität beitragen. Nicht sparen würde ich bei Bildung, Sozialem und Kultur – denn hier werden die Grundlagen für eine starke und solidarische Gemeinschaft gelegt. Investitionen in diese Bereiche zahlen sich langfristig aus und sind für die Entwicklung von Buchs unverzichtbar. Bereits vor einer möglichen Fusion mit Aarau sollten wir prüfen, welche Dienstleistungen wir dort zu welchen Konditionen zukaufen könnten. Synergien könnten helfen, die Kosten zu senken und die Qualität zu verbessern. Eine Zusammenarbeit bei Feuerwehr, Polizei, Bauamt und Sozialdiensten sollte untersucht werden, ähnlich wie bereits bei der KSAB und dem Regionalen Betreibungsamt eine Zusammenarbeit bereits funktioniert. So könnten Kosten stabilisiert werden.

Sie sagen, Kultur dürfe auch etwas kosten. Warum ist Ihnen dieser Bereich so wichtig?

Kultur ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Sie fördert Kreativität, Austausch und gegenseitiges Verständnis. Gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten ist es wichtig, kulturelle Angebote zu erhalten und weiterzuentwickeln. Sie tragen dazu bei, dass sich alle Menschen in Buchs wohlfühlen und Identifikation entstehen kann. Investitionen in Kultur sind Investitionen in unsere Zukunft.

Welche Vision haben Sie für Buchs in zehn Jahren – mit oder ohne Fusion?

In zehn Jahren sehe ich Buchs als innovativen, wirtschaftlich starken und sozial geprägten «Ortsteil» Buchs-Aarau, der seine Identität bewahrt hat und offen für neue Entwicklungen ist.

Von welchem Talent hätten Sie persönlich gerne noch etwas mehr?

Ich würde mich sehr freuen, wenn ich meine Geduld noch weiter ausbauen könnte. Interview: Raphael Nadler