Über 70'000 Stimmen für Maja Riniker: «Das macht etwas mit einem»
Maja Riniker lässt ihrer Konkurrenz bei der Ersatzwahl in den Aargauer Regierungsrat keine Chance. Die FDP-Politikerin aus Suhr holt 70'137 Stimmen und sorgt dafür, dass erstmals zwei Frauen gleichzeitig in der Aargauer Regierung sitzen. Im Gespräch nach der Wahl zeigt sie sich überwältigt – und spricht bereits darüber, was sie als Regierungsrätin anders machen könnte als ihr Vorgänger Stephan Attiger.

Es war eine Wahl ohne grosse Spannung – und am Ende trotzdem ein Resultat, das selbst die haushohe Favoritin beeindruckt. Maja Riniker ist neue Aargauer Regierungsrätin. Die FDP-Politikerin aus Suhr holt bei der Ersatzwahl 70'137 Stimmen und verteidigt damit den frei werdenden FDP-Sitz von Stephan Attiger souverän.
«Ich bin sehr, sehr positiv überrascht über den hohen Wähleranteil, den ich erreicht habe», sagt Riniker kurz nach Bekanntgabe des Resultats im Gespräch mit dieser Zeitung. Dass mehr als 70'000 Aargauerinnen und Aargauer ihren Namen auf den Wahlzettel geschrieben haben, beschäftigt sie sichtlich. «Das macht etwas mit einem. Das ist wirklich eine Verpflichtung. Und gleichzeitig empfinde ich einfach enorm viel Dankbarkeit.»
Mit Rinikers Wahl kommt es zudem zu einer Premiere: Erstmals gehören der fünfköpfigen Aargauer Regierung gleichzeitig zwei Frauen an. Riniker wird künftig zusammen mit Gesundheitsdirektorin Martina Bircher (SVP) in der Kantonsregierung sitzen.
Die Konkurrenz bleibt weit zurück
Dass Riniker die Wahl gewinnen würde, war erwartet worden. Wie deutlich der Vorsprung ausfällt, ist dennoch bemerkenswert. Die neue Regierungsrätin kommt auf 70'137 Stimmen. Dahinter folgt Loredana Nigro mit 8635 Stimmen. Theres Schöni erreicht 7514 Stimmen, Stephan Zurfluh von der Musikpartei 2365 Stimmen. Auf Vereinzelte entfallen 1782 Stimmen.
Riniker selbst hatte insbesondere Nigro stärker eingeschätzt. «Ich hätte erwartet, dass Loredana Nigro mehr Stimmen macht», sagt sie. Umso grösser sei nun ihre Freude: «Ich bin sehr, sehr glücklich.»
Einen Wermutstropfen sieht die Siegerin in der Stimmbeteiligung. Dass diese nicht höher ausgefallen ist, bedauert sie. Angesichts der fehlenden Sachvorlagen sei dies allerdings nicht völlig überraschend.
Von einem klassischen Wahlkampf konnte angesichts der Kräfteverhältnisse kaum die Rede sein. Trotzdem war es Riniker wichtig, im ganzen Kanton Präsenz zu zeigen. «Es haben immer wieder Leute gesagt: ‹Für was machst du das überhaupt?›» Für sie sei die Antwort klar gewesen: «Mir war wichtig, dass die Aargauerinnen und Aargauer spüren, dass ich dieses Amt wirklich will.»
Deshalb sei sie in fast allen Regionen unterwegs gewesen und habe die Bezirke «abgeklappert». «Mir war ein guter und sichtbarer Wahlkampf wichtig.»
«Einfach keinen Fehler machen»
Ganz ohne Anspannung verliefen die vergangenen Wochen trotz der komfortablen Ausgangslage nicht. Riniker beschreibt eine besondere Form von Nervosität: weniger die Angst vor einer Niederlage als vielmehr die Sorge, sich auf den letzten Metern selber ein Bein zu stellen.
«Man weiss: Wie geht die Bevölkerung damit um, wenn ich jetzt einen Fehler mache? Das hat mich die ganze Zeit begleitet.» Sie habe sich deshalb immer wieder gesagt: «Einfach keinen Fehler machen, nicht zu schnell fahren – so simple Sachen.» Gerade solche Dinge würden einem in einem Wahlkampf schnell zum Verhängnis.
Als das Resultat am Sonntag schliesslich feststand, war Riniker zu Hause. Ihren Wahlsonntag hatte sie so begonnen, wie sie einen Sonntag gerne beginnt: mit Sport. «Ich war eine Dreiviertelstunde joggen und habe mich dann zu Hause bereit gemacht.»
Ihre Kinder waren bei ihr, als die entscheidenden Zahlen eintrafen. «Sie waren bereit, diesen Moment mit mir entgegenzunehmen. Und sie waren auch die Ersten, die mir gratuliert haben.»
Welches Departement? Riniker hat keinen Favoriten
Viel Zeit, den Wahlsieg einfach nur zu geniessen, bleibt Riniker nicht. Schon am Mittwoch steht die Departementsverteilung an. Welchen Bereich die FDP-Politikerin übernehmen wird, ist noch offen.
Einen persönlichen Favoriten will sie nicht nennen – nach eigener Aussage hat sie auch keinen. «Mir wird immer wieder quasi in den Mund gelegt, ich wolle sicher ins Sicherheits- oder Wirtschaftsdepartement.» Sie sehe sich aber breiter aufgestellt. «Ich habe schon bewiesen, dass ich mich in verschiedenste Themenfelder einarbeiten kann – ob es Finanzthemen sind oder Bau, Energie, Gesundheit.»
Deshalb gelte: «Das ist völlig offen. Ich freue mich einfach darauf, dieses Amt zu übernehmen.»
Nach der Zuteilung will sie sich rasch einarbeiten. Sie werde das Gespräch mit erfahrenen Regierungsmitgliedern suchen und sich Tipps holen. Entscheidend werde auch der Austausch mit dem Generalsekretär ihres künftigen Departements sein.
Auf die Führungsaufgabe freut sie sich besonders. «Das traue ich mir absolut zu. Ich habe Respekt davor, aber ich freue mich enorm darauf, das zu machen und zu gestalten.»
Bei Energie und Steuern deutet Riniker eigene Akzente an
Politisch dürfte mit der neuen FDP-Regierungsrätin nicht einfach eine Kopie ihres Vorgängers Stephan Attiger in die Regierung einziehen. Riniker macht im Gespräch deutlich, dass sie bei einzelnen Themen durchaus andere Akzente setzen könnte.
Beim Umgang mit fossilen Heizungen sagt sie: «Ich denke, da muss man auch mit der Zeit gehen. Die Welt verändert sich, die Energiesituation verändert sich.» Darin sieht sie selbst eine mögliche Differenz zu Attiger.
Auch beim Ausbau erneuerbarer Energien zeigt sich Riniker offen. Wenn sich die Bevölkerung gegen neue Energiequellen sperre, müsse eine Regierung dies zwar zur Kenntnis nehmen. Ihre persönliche Haltung macht sie aber ebenfalls deutlich: «Ich würde es anders machen, wenn ich jetzt noch mitwirken könnte.»
Und auch bei der Steuerpolitik hat die bisherige Finanzpolitikerin eigene Vorstellungen. Zur Strategie der Regierung, die Steuern zunächst zu senken und später wieder anzuheben, sagt sie: «Da habe ich als Finanzpolitikerin eine andere Meinung.»
Doch Riniker zieht gleichzeitig eine klare Grenze zwischen der bisherigen Parlamentarierin und ihrer neuen Rolle als Regierungsrätin. Künftig gehört sie einer Kollegialbehörde an. «Im Gremium selber würde ich natürlich versuchen, in eine andere Richtung zu wirken.» Fällt der Entscheid anders aus, werde sie diesen aber mittragen und mitstützen.
«Mein Herz schlägt für den Aargau»
Gerade auf diese neue Rolle freut sich Riniker. «Weil ich ein Teamplayer bin, freue ich mich enorm darauf, mit diesen vier Personen – mit Martina und den anderen drei Herren – zusammenzuarbeiten.»
Gleichzeitig verändert sich für die bisherige Bundespolitikerin einiges. Die Agenda werde enger, und sie müsse noch konsequenter mit ihrer Zeit umgehen. Auch daran, Teil einer Exekutive zu sein und nicht mehr jederzeit völlig frei politisieren zu können, müsse sie sich gewöhnen. «Davor habe ich übrigens grossen Respekt. Aber ich weiss, worauf ich mich einlasse.»
Eine Sache dürfte dagegen unkomplizierter werden: der Arbeitsweg. Von Suhr nach Aarau kann die neue Regierungsrätin künftig mit dem Velo fahren, statt regelmässig mit dem Zug nach Bern zu pendeln. «Das ist eine grosse Veränderung, und ich freue mich extrem darauf.» Und wenn es im Winter eisig wird? «Dann nehme ich den Bus oder gehe zu Fuss.»
Wichtiger als der kürzere Arbeitsweg ist für Riniker aber, für wen sie diesen künftig zurücklegt. Nach Jahren in der Bundespolitik kehrt ihr politischer Schwerpunkt vollständig in den Aargau zurück. «Die schönste Veränderung ist, dass ich mich für den Kanton Aargau engagieren darf», sagt die frisch gewählte Regierungsrätin. «Das ist meine Heimat. Ich bin hier aufgewachsen. Mein Herz schlägt für den Aargau.»
Interview: Claudia Meier und Raphael Nadler