Wenn ich mal gross bin ...

Gedanken
Wenn ich mal gross bin ...
Als Kind wusste ich genau, wie das Leben läuft. Wenn ich gross bin, esse ich Glace zum Zmorge, bleibe so lang auf, wie ich will, und trage jeden Tag, was ich will. Also Krone, Umhang und Pyjama.
Denn erwachsen sein war gleichbedeutend mit purer Freiheit. Einfach tun und lassen, was man will, so hab ich es mir vorgestellt. Dazu noch ein Job, der gleichzeitig Spass macht, wenig Zeit in Anspruch nimmt und dann auch noch gut bezahlt wird. Logisch eigentlich, oder?
Heute bin ich gross. Also offiziell. Ich bin sogar Mama, also erwachsener geht’s eigentlich nicht. Und na ja, was soll ich sagen. Ganz so, wie ich es mir damals vorgestellt habe, ist es nicht. Ja, klar, ich könnte Glace zum Frühstück essen. Ich tue es aber nicht. Nicht wegen der Moral, sondern wegen des Magens. Ich könnte bis spät in der Nacht aufbleiben, bezahle dies dann aber mit Augenringen und schlechten Texten.
Als Kind dachte ich, die Erwachsenen hätten alles im Griff. Sie hätten immer einen Plan, immer eine Lösung parat. Und wissen tun sie sowieso alles. Na ja. Heute Morgen habe ich wieder mal 10 Minuten lang mein Handy gesucht, um irgendwas zu googeln, was ich eigentlich längst wissen sollte. So sieht die Realität aus.
Ich wollte mutig sein und keine Angst haben. Heute fürchte ich mich zwar nicht mehr vor der schwarzen Dunkelheit, dafür aber vor roten Zahlen – wenn ich mein Konto checke. Mit furchtlos hat das gar nichts zu tun.
Ich wollte immer genau wissen, was ich will. Stattdessen steh ich im Supermarkt fünf Minuten vor dem Kühlregal, um mich zwischen zwei praktisch identischen Joghurts zu entscheiden. Lieber «Kirsche» oder doch «Cremige Kirsche»? Das sind die wichtigen Fragen des Lebens.
Schauspielerin wollte ich werden oder zumindest berühmt. Na ja, immerhin ist mein Gesicht ab und zu mal in dieser Zeitung hier zu sehen. Mehr Berühmtheit werde ich wohl nicht mehr erreichen.
Wenn ich mal gross bin … So viele Träumereien und nichts davon ist wahr geworden. Vielleicht habe ich es einfach zu ernst genommen. Erwachsen zu sein, heisst nicht, alles zu müssen, was ich dürfte, sondern zu entscheiden, was von dem, das ich dürfte, ich auch wirklich will. Und vielleicht ist genau das die wahre Freiheit: zu wissen, dass ich Glace zum Frühstück essen könnte. Und mich dann ganz erwachsen für eine Tasse Kaffee entscheide.