Wie ein Metzger aus Bottenwil zum «Aussie» wurde

Seinen Lebensmittelpunkt hat Hans Meyer seit fast 50 Jahren in Australien. Die Verbindung in seine Aargauer Heimat ist aber nie abgerissen – auch dank des «Landanzeigers».

Als 22-Jähriger hat Hans Meyer sein Heimatdorf in Richtung Australien verlassen.Bild: Agu

Als 22-Jähriger hat Hans Meyer sein Heimatdorf in Richtung Australien verlassen.Bild: Agu

An der Klassenzusammenkunft des Jahrgangs 1956 wurden Erinnerungen aufgefrischt.Bild: ZVG

An der Klassenzusammenkunft des Jahrgangs 1956 wurden Erinnerungen aufgefrischt.Bild: ZVG

So gewöhnlich sein Name, so ungewöhnlich seine Geschichte. Hans Meyer, 70, dürfte einer der treuesten Landanzeiger-Leser überhaupt sein. Und bestimmt einer derjenigen, die am weitesten entfernt von dessen Erscheinungsgebiet zuhause sind. Meyer wohnt fast am anderen Ende der Welt – und das schon seit Jahrzehnten. Auf die Landanzeiger-Lektüre mag er dennoch nicht verzichten. Aber dazu später.

1978 verlässt Meyer seine Bottenwiler Heimat. Für ein Jahr, so glaubt er. Der damals 22-jährige Jüngling will in Australien berufliche Erfahrungen sammeln, nachdem er im Verbandsorgan «Schweizerische Metzgerzeitung» auf ein entsprechendes Inserat aufmerksam geworden ist.

Nach der Metzger-Lehre bei «Sandmeier» in Kölliken, einer Kochausbildung im Tessin und ein, zwei anderen Stellen möchte er die grosse weite Welt entdecken – und nach einem Jahr ins Uerkental zurückkehren. «Doch dann wurden es plötzlich zwei Jahre, und es gefiel mir immer besser. Vor der Heimkehr wollte ich noch das Land erkunden, so ging ich ein Jahr reisen.»

Als das Geld knapp wird, heuert Hans Meyer in Perth als Metzger an. Nach vier Jahren, 1982, kehrt er erstmals in die Schweiz zurück, fliegt danach aber bald wieder nach Australien. Meyer bleibt fortan in Down Under. Sein Lebensmittelpunkt liegt seit Anfang der 1980er-Jahre in Melbourne, im Süden Australiens. Ab 1983 führt er als Metzgermeister mehrere Betriebe. Bis 2006 arbeitet er als Selbstständiger, danach in verschiedenen Angestelltenverhältnissen.

Mitglied im Jodlerchor und Schwingklub – in Melbourne

Seine Verwandten und Bekannten in der Schweiz besucht er in regelmässigen Abständen. Seine Eltern leben bis 2008 beziehungsweise 2018. Eine dauerhafte Rückkehr in die Schweiz ist aber nie mehr ein Thema. «Ich habe mich dort «established»», meint er. Es ist einer der seltenen Momente in unserem Gespräch, in dem ein englischer Begriff fällt. Meyer ist nicht anzumerken, dass er seit Jahrzehnten nicht mehr in der Schweiz lebt; er spricht nach wie vor akzentfrei Aargauer Dialekt.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass er in Melbourne mit zahlreichen Auswanderern aus der Schweiz, aus Österreich oder aus Deutschland verkehrt. Anfänglich besucht er zweimal wöchentlich einen Schweizer Klub, den Jodlerchor Matterhorn und den dortigen Schwingklub. Er beginnt zu schwingen und nimmt sogar an Schwingfesten teil; allerdings nur an solchen in Australien.

Jetzt, mit 70 Jahren und längst pensioniert, steht für den rüstigen Junggesellen fest: Auch seinen Lebensabend wird er in Australien verbringen. «Vieles ist in der Schweiz besser, vieles ist in Australien besser», sagt er. «Aber obwohl ich immer noch gut Schweizerdeutsch spreche und hier Freunde habe, bin ich inzwischen Australier.»

Klassenzusammenkunft in der «Moosersagi»

Seit Mitte August ist er wieder mal zu Besuch in seiner ursprünglichen Heimat. Während acht Wochen wohnt er bei seiner Schwester in Rothrist. Der Hauptgrund seines Besuchs: eine Klassenzusammenkunft des Jahrgangs 1956 in Bottenwil. Diese hat am Samstag vor zwei Wochen im Restaurant Moosersagi in Wiliberg mit 16 Personen stattgefunden.

Immer wieder seien die Worte «Weisch no?» gefallen, berichtet Meyer. Sie hätten viel über früheren Schabernack gesprochen, lustige Erinnerungen ausgetauscht, sich über die Veränderungen im Dorf unterhalten. Für Meyer endet der Abend erst am frühen Morgen, um 1.30 Uhr. Er hat sich vorsorglich ein Zimmer in der «Moosersagi» reserviert.

Und wie ist das nun mit dem «Landanzeiger»? Seit mehr als einem Jahrzehnt liest er dessen E-Paper-Ausgabe – und zwar jede Woche. Zu Beginn der 2010er-Jahre erfährt Meyer von einer Bekannten in der australischen Nachbarschaft, dass sein ehemaliger Lehrmeister Hans Sandmeier gestorben sei; sie habe es im Landanzeiger gelesen. Seither hält sich der Auswanderer aus Bottenwil via Landanzeiger auf dem Laufenden, was in seiner ursprünglichen Heimat geschieht. «Am Freitagmorgen zwischen 5 und 6 Uhr stehe ich auf, mache einen Kaffee, klappe den Laptop auf und lese den Landanzeiger.»

Dessen Lektüre sei für ihn inzwischen «zu einer Religion» geworden, einem fixen Wochenritual «Als er wegen des Unterbruchs in den Sommerferien nicht erschienen ist, war ich richtiggehend enttäuscht.»

Ehe Hans Meyer Mitte Oktober in seine neue Heimat zurückfliegen wird, unternimmt er noch Ausflüge. Auch mehrtägige ins nahe Ausland. Und er stattet vielen Bekannten von früher einen Besuch ab, insbesondere solchen aus der Metzgerbranche. Auch der obligate Besuch im Tessiner Betrieb, in dem er einst die Kochausbildung absolviert hat, darf nicht fehlen. Achim Günter