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Vom Paradies zurück ins Leben

Wer, wie ich, schon unbeschadet in Rom, Athen, Ankara und sogar in New York mit dem Velo unterwegs war, der fühlt sich in Amsterdam wie im Paradies. Hier braucht man auf dem Rad keine Angst zu haben. Die Velofahrer haben hier nämlich überall Vortritt. Und, und das ist wirklich ein Geschenk, es gibt überall spezielle Radwege. Nein, keine Radstreifen, richtige Radwege.

Wer nun sagt, das sei in unserem kleinen Land nicht möglich, dem sei gesagt: die Schweiz (41’285 km2) und die Niederlande (41’543 km2) sind fast gleich gross. In den Niederlanden leben aber fast neun Millionen Menschen mehr als in der Schweiz.

Die Niederländer wachsen mit dem Fahrrad auf. Im Umkreis von 300 Metern um Schulen gibt es keine Park- und Haltemöglichkeiten für Elterntaxis. Kindergärtler können von einem «Schulbus» Gebrauch machen. In diesem Gefährt haben meist rund acht bis zehn Kinder Platz. Gemeinsam wird in den Kindergarten geradelt, gesteuert von einem älteren Schüler oder einer erwachsenen Person.

Jeder Niederländer besitzt zwischen drei und sechs verschiedene Fahrräder. Über 60 Prozent der niederländischen Bevölkerung fahren täglich mit dem Velo. Am Hauptbahnhof in Amsterdam steht ein fünfstöckiges Parkhaus nur für Fahrräder. Immer mehr stehen dort auch E-Bikes. Gut abgeschlossen wie viele der Velos in den Niederlanden. Trotzdem wechseln pro Jahr rund eine Million Velos hier unfreiwillig den Benutzer oder den Besitzer.

Radfahren ist in den Niederlanden ein Teil ihrer Kultur. Sogar die Königsfamilie ist viel mit dem Velo unterwegs. Die Fussballer von Ajax Amsterdam fahren öfter mit dem Velo ins Training als mit dem Auto. Wer hier regelmässig mit dem Velo zur Arbeit fährt, der bleibt nicht nur gesünder, sondern bekommt vom Arbeitgeber auch finanzielle Unterstützung.

Ich weiss, dass Sie beim Lesen dieser Zeilen schon fünf Gründe gefunden haben, weshalb Sie nicht so oft mit dem Velo unterwegs sind. Dabei glaube ich aber, dass auch in Ihrem Keller mindestens ein Velo steht, das noch fahrtüchtig ist.

Was mich an den Niederländern auch beeindruckt, ist ihre Lockerheit und Rücksichtnahme im Verkehr. Auch in den grossen Städten. Während meinem einwöchigen Aufenthalt habe ich kein einziges Hupen gehört. Auch hat niemand dem Gegenüber den Vogel oder andere ausdrucksstarke Handzeichen verteilt. Daran könnte ich mich gewöhnen.

Raphael Nadler, Chefredaktor

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