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Schandpfahl 2.0 – oder alles für hohe Einschaltquoten

In den letzten Wochen machten die Medienhäuser Ringier und Tamedia gleich dreimal in eigener Sache Schlagzeilen. Mächtige Chefs sollen Grenzen überschritten oder ein Klima des Mobbings verbreitet haben. Manches mutet geradezu bizarr an: Dass ein Chefredaktor – angeblich aus Jux und Tollerei – Hakenkreuze auf Manuskripte kritzelt, macht sprachlos. Die Fälle stehen für einen Paradigmenwechsel, nicht nur in der Medienszene.

Erfolgreiche Chefs konnten sich über Jahre und Jahrzehnte Dinge leisten, für die andere schon lange den blauen Brief kassiert hätten. Man guckte verschämt weg. Nun ist es mit der «Schweigekultur» vorbei, wie die NZZ letzte Woche befand. Gut so.

Allerdings begleitet von einem Phänomen, das ebenfalls abgestellt gehört. Die Kommentare, die manche Medien auf ihren Online-Kanälen zu den entsprechenden Meldungen publizierten, sind teilweise unter aller Sau, man kann es nicht anders ausdrücken.

Unter den Berichten über Grenzüberschreitungen werden munter weiter Grenzen überschritten. Schlechtes Vorbild in dieser Hinsicht ist beispielsweise die «Weltwoche», die genüsslich Details über den Fall De Schepper verbreitete – sekundiert von Jauche-Kommentaren voller Hass und Häme.

Die bittere Wahrheit ist: Das gibt Einschaltquoten. Inzwischen hat die «Weltwoche» die Kommentare ausgeblendet. Und lässt den Mob weiterziehen: Bis am Wochenende tobte sich dieser bei der Meldung des in den Urlaub geschickten «Blick»-Chefs Christian Dorer aus.

Leserkommentare sind wichtig, Meinungsfreiheit noch wichtiger. Aber digitale Schandpfähle zur Steigerung der Einschaltquoten sind billig, doppelmoralisch und heuchlerischer Schund.

Philippe Pfister, CCO und Chefredaktor der ZT Medien AG

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