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Die Taten des «Staatsfeinds Nummer 1»

Am 21. Februar hätte der berüchtigte Dieb und Einbrecher Bernhart Matter aus Muhen seinen 200. Geburtstag gefeiert. Der «helvetische Robin Hood», wie er später auch genannt wurde, kam 1821 zur Welt. Der «Staatsfeind Nummer 1» wurde am 2. Januar 1854 in der «Herberge» Teufenthal zum letzten Mal festgenommen und am 24. Mai 1854 in Lenzburg vor 2000 Zuschauern hingerichtet. Es war die letzte öffentliche Hinrichtung im Kanton Aargau.

Bernhart Matter wurde am 21. Februar 1821 als viertes von später neun Geschwistern in Muhen geboren. Vermutlich nicht im Gasthof Bären, wie man lange annahm, sondern in einem Haus an der Hardstrasse. Sein Vater war wohl der Wirt vom «Bären» gewesen, dessen Konkurs lag aber bereits gut zwei Jahre zurück. Bernharts Grossvater war einst Untervogt der Republik Bern in Muhen gewesen. Er wurde nach seinem Vater Bernhard getauft, schrieb sich aber immer mit einem «t».

Bernhart Matter besuchte die (Winter-) Schule in Muhen, das Schulhaus war nur gut hundert Meter von seinem Elternhaus entfernt. Im Sommer weilte er, wie viele seiner Altersgenossen, nur sporadisch im Unterricht, helfen im eigenen Haus und Hof war damals oft wichtiger. 1835 wurden in Muhen 57 Eltern schulpflichtiger Kinder wegen deren mehrmaligen Absenzen gebüsst.

Schon früh gestohlen
Schon als Schuljunge war Bernhart an Diebstählen beteiligt. Etwa beim Griff in die Kasse des Salzauswägers. Dabei kaufte jeweils ein Junge zur Ablenkung im Krämerladen Süssigkeiten. Man konnte den gewieften Jungs aber nichts nachweisen und Bernhart stritt jede Beteiligung ab. Es kam aber immer wieder zu solchen Dorfdiebstählen.

Anfängerfehler
Am 5. Juni 1836 verübte der erst 15-jährige Bernhart den ersten seiner unzähligen aktenkundigen Einbrüche. Er entwendete in der Aarauer Bijouterie Ulysses Cellier vier Goldringe. Der Diebstahl flog auf, weil Matter zurückkehrte, um bei der Jungfer im Laden den Wert der Ringe zu erfragen. Am 29. Juni 1836 wurde er dafür zu einer Gefängnisstrafe von vier Wochen verurteilt.

Lehre als Steinhauer
Nach der Haftstrafe begann er die Lehre bei Steinhauer Haberstich in Unterentfelden. Nach dem Tod seines Lehrmeisters, ein Jahr später, erlernte er den Maurerberuf bei Samuel Lüscher in Muhen. Er war als Maurer später bei verschiedenen Meistern oder als Kundenmaurer im Suhren-, Wynen- und Seetal unterwegs. Von Gleichaltrigen liess er sich dazu verleiten, dem Wagner Rudolf Künzli Levat (Raps) zu entwenden und einem Stofffärber weiterzuverkaufen. Er wurde erwischt und musste dafür 1841 erneut für vier Wochen ins Gefängnis – jeden dritten Tag bei Wasser und Brot.

Frisch entlassen heiratete Matter die sechs Jahre ältere Barbara Fischer aus Tennwil. Kennengelernt hatte er sie in Schöftland, wo sie als Näherin tätig war. Matter hatte zeitlebens viele Frauenbekannt- und liebschaften, tanzte gerne und hatte eine attraktive Ausstrahlung.
Das junge Paar wohnte erst bei Matters Eltern in Muhen, siedelte aber dann nach Zofingen über. Sie bekamen laut den Aufzeichnungen bald eine Tochter namens Maria, deren Geburtsdatum nicht verzeichnet ist.

Nur Begüterte bestohlen
In dieser Zeit verübte Matter bereits Getreidediebstähle. Dabei bestätigte sich, was schon das Gericht bereits früher festgestellt hatte, eine grosse Schlauheit und Frechheit beim Verüben der Taten. Bei der damaligen Hungersnot und Armut gewann Matter viele Freunde, weil er nur Begüterte bestahl und die Beute freigiebig verteilte.

Er wurde schliesslich verhaftet und vom Obergericht am 26. Juli 1844 des beschwerten Diebstahls verurteilt, und zwar zu 3 Jahren Kettenstrafe in der Strafanstalt Baden plus Schadenersatz. Dort verschaffte er sich wegen guter Führung bald Vorteile. Diese fanden ein jähes Ende, als seine Gemeinschaftszelle zu einem Tabakkollegium mutierte, wo selbst Kirschwasser nicht fehlte. Er wurde in die Filialstrafanstalt Königsfelden versetzt, wo er bald wieder Erleichterungen genoss – ohne diese auszunutzen.

Bei Matters Strafantritt zog seine Frau zu ihrer Schwester nach Schlossrued in den Klack. Maria wurde zur Betreuung weggeben, die Grosseltern Matter kamen für die Betreuung auf.

Nach der Entlassung wollte Matter ein ehrlicher Mensch werden. Er arbeitete unter anderem als Maurer beim Bau der Kaserne in Aarau. Die schlechten Löhne und das grosse Gefälle zwischen Arm und Reich führten dazu, dass zur Mitte des 19. Jahrhunderts so viele Menschen wegen Eigentumsdelikten verurteilt wurden, wie kaum je zuvor. Auch Matter wurde wieder rückfällig. Alleine und als Teil der Bande des alten Gärtners Haberstich aus Entfelden verübte er zwischen Januar 1848 und 1849 laut späterer Gerichtsakte rund zwanzig Einbrüche und Diebstähle, dies in den Kantonen Aargau, Solothurn und Baselland. Darunter einen Silberwarendiebstahl in der Kirche Kulmerau. Das Werkzeug dafür hatte er zuvor dem Zofinger Bezirksrichter gestohlen. Bei mehreren Einbrüchen machte er gemeinsame Sache mit dem Elsässer Juden Andreas Kemar, von diesem erlernte Matter das Einbrecher-Handwerk erst recht.

Für einen Einbruch in einer Tuchwarenhandlung in Oftringen war Matter dann dringend tatverdächtig und wurde polizeilich ausgeschrieben. Fast wäre er in seiner Wohnung im «Obertel» in Suhr am 5. März 1849 aufgegriffen worden, doch er floh über den Kamin ins Freie. Immerhin fand man ein Paket Tuch, was seine Teilnahme am Einbruch in Oftringen bestätigte.

Bald wurde er im damals berüchtigten Löwen in Erlinsbach mehrfach gesehen. Eine davon ausgehende Hausdurchsuchung in Niedergösgen führte diverses Diebesgut sowie Matter und seine Konkubine, die Kellnerin Höcker aus Rheineck, zutage. Die Verhafteten sollten ans Bezirksgericht Zofingen ausgeliefert werden, die Solothurner Landjäger entliessen allerdings die Kellnerin voreilig und Matter war inzwischen ebenfalls weg. Er brach im Gefängnis in Olten Gitterstäbe heraus und seilte sich mit einem zerschnittenen Leintuch aus dem dritten Stock ab. Dank seiner Fussketten wurde die Überquerung der Aarebrücke frei. Der Nachtwächter hielt ihr Rasseln für einen bösen entlaufenen Hund und brachte sich in Sicherheit. Matter trieb sich nun vorwiegend in den Juradörfern herum, weil er sich dort vor der Polizei sicher wähnte. Er verübte dabei mindestens einen Einbruch in Baden, zu dem ihn Jakob Dietiker in Thalheim anstiftete und wofür er einen Heimatschein erhielt. Denn schon länger wollte es Matter drei seiner Brüder gleichtun und nach Amerika auswandern.

In dieser Zeit beschäftigten sich auch die Zeitungen erstmals mit Matter. Man bezeichnete ihn «als Haupt einer ziemlich starken Schelmenbande». Das war er allerdings nachweislich nie. Er wurde eher immer wieder von seinen Kumpanen ausgenützt. Am 5. April 1849 wurde er in Lostorf aufgespürt, verhaftet und nach Zofingen ins Bezirksgefängnis gebracht. Zehn Tage später entfloh er. Ein Bekannter hatte ihm ein Messer zugesteckt, womit Matter den Block, an den er gefesselt war, durchfeilte und über den Estrich entschwand. Er wurde tags darauf in Kölliken und später im Rütihof gesehen und verlangte drei Tage später im Müheler Schwabistal bei Kaspar «Huttechasper» Lüscher Essen und ein Nachtlager.

Er hielt sich weiter in der Gegend auf. Es ereignete sich ein Lebensmitteldiebstahl, hinter dem wohl Matter steckte und Matter verlangte von «Götzmetzger» Künzli in Muhen, er solle ihm Schriften verschaffen für die Auswanderung nach Amerika. Nun tauchten Landjäger bei «Huttechasper» auf. Dieser fürchtete die Rache Matters und verriet nichts, meinte aber, man möge ihm folgen, wenn er heute das Essen ins Versteck Matters trage. Im Tägermoos in Kölliken ergriffen die Landjäger schliesslich den unter einer Tanne liegenden Matter, welcher sich ohne nennenswerten Widerstand ergab. Die Fangprämie lautete auf 32 Franken.

Anfang September war die «Criminaluntersuchung mit Bernhart Matter von Muhen und Consorten» soweit abgeschlossen, dass sie dem Bezirksgericht vorgelegt werden konnte. Am 8. Oktober 1949 brach der «ziemlich renommierte Matter» (Titel der Aargauer Zeitung) erneut aus. Er versorgte sich bei mehreren Einbrüchen mit Essen und trieb sich in den Wäldern im Suhren- und Wynental herum. Dann wurde er wieder aufgegriffen und zu einer Kettenstrafe von 16 Jahren verurteilt. Diese trat er in der Strafanstalt Baden an. Vier seiner Kumpane wurden zu kürzeren Gefängnisstrafen verurteilt. Seine Ehefrau wurde wegen Hehlerei angeklagt, aber später freigesprochen. Sie liess sich angesichts der Zuchthausstrafe «wegen peinlicher Bestrafung» von Matter scheiden. Die Ehe wurde am 8. Juni 1850 gerichtlich aufgelöst. Der Kontakt brach aber nie ab.

Am Sonntag, 18 August 1850 brach Matter in Baden aus. In wochenlanger Arbeit hatte er, wenn er jeweils auf dem Abort sass, mit einem kleinen Bohrer rund um eine Bodendiele Loch an Loch gebohrt. Das blieb in der herrschenden Düsternis unbemerkt. Er zerschnitt sein Leintuch in Streifen, versteckte es unter dem Hemd und liess sich bei einem nächtlichen Rundgang des Wachhabenden zum Abort führen. Der Landjäger setzte seinen Rundgang während Matters vermeintlichem «Geschäft» fort. Als er zurückkam, hatte dieser die Diele herausgehoben und sich in Freiheit abgeseilt – nach fünfeinhalb Monaten Haft.

Zwei Tage darauf tauchte er bei «Huttechasper» Lüscher auf. Nicht um sich zu rächen, sondern um Essen, Kleider und Unterschlupf zu erbetteln, was er auch bekam. Als Entgelt ging er nachts auf Raubzug und versorgte diesen mit Proviant. Bis zum 12. September konnten ihm acht Diebstähle im Bären Kirchleerau, im Pfarrhaus Kulm, in der Herberge Teufenthal, in der Pinte Rotacker, im Pfarrhaus Starrkirch, in der Pinte Wöschnau, bei Gemeindeammann Gloor in Rettersweil und bei Dr. Rufli in Seengen nachgewiesen werden.

Nach dem Einbruch in Starrkirch wollte Matter nach Bern, um die gestohlene Ware zu veräussern. Unterwegs wurde er jedoch überfallen. Zwei Burschen nahmen ihm das Diebesgut ab. Bei Dr. Rufli in Seengen liess er deshalb zwei Pistolen mitlaufen, um in Zukunft gegen solches gewappnet zu sein. Eine der Pistolen verkaufte er, die andere behielt er. Dieser Besitz wurde ihm später zum Verhängnis, weil sie in der Anklage als Hauptargument und Zeichen seiner «Gemeingefährlichkeit» diente.

Obwohl Matter nicht mehr in Muhen wohnte, war er nach wie vor oft dort gesehen. Sein Elternhaus durfte er allerdings nicht mehr betreten, seine Mutter wollte keinen Konflikt mit den Behörden riskieren. In der Nacht vom 13. auf den 14. September gingen Matter und «Huttechasper» erstmals gemeinsam auf einen bestens organisierten Diebeszug. Sie «besuchten» Lüschers Schwiegervater in Vordemwald. Matter zog sich dabei dicke, weiche Filzpantoffeln an, stieg trotz eines Schläfers durchs Fenster ins Wohnzimmer und entwendete eine silberne Uhr. Danach stiegen die beiden im Nebenhaus in den Keller, wo sie sich einige Holzkellen Wein aus einem Fass genehmigten. Dann führte Matter den bereits torkelnden Lüscher – den er auch davon abhalten musste, laut zu sprechen – in den Speicher, wo sie Schinken und Schüfeli in den Rucksack packten und einen Sack voll «Frucht» mitgehen liessen. Wegen der Uhr fiel der Verdacht auf Matter. Man suchte ihn und Lüscher wurde verhaftet. Matter bekam davon Wind. Als man ihn in seiner Hütte im Suhrer «Obertel» aufgreifen wollte, war er bereits geflohen. In der Nähe von Matters Hütte stand das Bauernheimet von «Obertugöpfs», Familie Schmid. Ihnen legte Matter die gestohlenen Leckerbissen vor die Haustüre. Dann entschwand er in den Kanton Bern.

Am 20. September schrieb er dem Landjägerfeldweibel Frei in Aarau, er ziehe es vor, dem Papst in Rom zu dienen, nicht dem Zuchthausverwalter in Baden. In Rubigen liess er sich nämlich für die päpstliche Garde anwerben. Er machte sich mit anderen Rekruten auf den Weg nach Mailand. Der Dienst als Söldner war ihm aber schon in Ruswil verleidet. Via Huttwil, Bern, Willisau und Sursee kam er wieder ins Suhrental, wo er feststellen musste, dass unter anderem seine ehemalige Frau wieder wegen ihm verhaftet worden war. Er wusste jetzt weder ein noch aus, hatte aber nicht den Mut, sich zu stellen.

Er wollte nun endgültig nach Amerika. Unterwegs traf er im Elsass seinen früheren Kumpan Kemar. Dieser konnte Matter vom Auswanderungswillen abbringen und verleitete ihn zum einträglichen Warenschmuggel in der Grenzregion. Erst Zigarren, Zucker und Kaffee, später die noch einträglichere Seide. Dazu reisten die beiden – getrennt – nach Rapperswil, um solche einzukaufen und dann in Basel über die Grenze zu schmuggeln. Sie planten auch einen Einbruch im Handelshaus Hasler und Geissberger in Othmarsingen, wo Kemar einbrach und Matter Schmiere stand. Sie teilten den Raub auf, Kemar nahm 400 Franken, Matter den Rest von 325 Franken und Münz. Kaufmann Hasler konnte allerdings später nachweisen, dass ihm 1151 Franken gestohlen worden waren. Kemar hatte also Matter übers Ohr gehauen.

Im Elsass erschien Kemar nicht am vereinbarten Treffpunkt. Matter wollte wieder nach Amerika und löste deshalb unter falschem Namen eine Fahrkarte nach Paris. Er verbrachte dort rund einen Monat, wovon wenig bekannt ist. Lediglich ein weiterer Brief an Landjägerfeldweibel Frei, worin er ihm seine Auswanderung mitteilte. Er holte sich dort ausserdem eine «geheime Krankheit» (Geschlechtskrankheit). Einigermassen genesen reiste er weiter nach Le Havre. Ein Schiffsbillett nach Amerika bekam er allerdings nicht. Die vorgeschriebene ärztliche Untersuchung zeigte: Matter war doch noch nicht ausreichend geheilt. Er wurde zurückgewiesen. Ein harter Schlag.

Matter bekam Heimweh und reiste zurück. Vorerst nach Strassburg, wo er sich unter dem falschen Namen Kaspar Richner eine Geliebte anlachte. Das wurde auch in der Heimat bekannt, weil der Gränicher Viehhändler Kaspar Richner mehrere Liebesbriefe aus dem Elsass bekam. Ein Briefwechsel zwischen den Gemeindeammännern von Gränichen und dem elsässischen Marlenheim zeigte, dass Fräulein Catharina Weber den als begütert aufgetretenen Kaspar Richner – sprich: Matter unter falschem Namen – hatte heiraten wollen, dieser hatte sich dann aber auf Nimmerwiedersehen verabschiedet. Weitere Liebesbriefe belegen, dass Matter dort noch weitere Bekannschaften gemacht hatte. In Kaspar Richners zwanzigköpfigem Haushalt im Refental war übrigens Matters Tochter Maria in Pflege. Im Elsass trieb Matter inzwischen auf eigene Rechnung Schmuggel.

Mitte Januar 1851 trafen Matter und Kemar wieder aufeinander. Und verabredeten erneut eine Reise nach Rapperswil. Am vereinbarten Treffpunkt erschien Kemar erneut nicht. Matter reiste wieder zurück. Währenddessen verübte Kemar nachweislich 24 Einbrüche im Raum Lenzburg, in Kulm und in Aarburg, wobei er die Täterschaft auf Matter lenkte. Erst später stellte man fest, dass Matter nicht Täter sein konnte. Matter wusste davon nichts und beide trafen sich bald wieder zu einer erfolgreichen dritten und sogar einer vierten Reise. Dabei nahm er einen Umweg ins Suhrental und erfuhr dabei, dass sich seine ehemalige Frau Barbara immer noch in Haft befand.

Unterwegs zu einer fünften Reise nach Zürich und Rapperswil wurde Matter am 19. Februar 1851 ausserhalb von Erlinsbach aufgegriffen. Der Aargauer Polizeichef Gysin selber war nach Basel gereist, um die Grenzdörfer nach dem notorischen Schelm abzuklappern. Letztlich hatte der Erlinsbacher Landjäger Lehmann einen Hinweis ernst genommen, wonach Matter «in acht Tagen» in der Gegend sei. Er hatte Zivilkleidung angezogen und belauerte, um die von Matter selbst angebene Zeit, dessen übliche Wege. Er stiess auf Matter und dessen Begleiter, dem er sich als Suter aus Seon vorgestellt hatte. Matter versuchte zu entfliehen, der Polizist rief Bauern, die gerade am Holzen waren, zu Hilfe. Matter bedrohte diese mit seiner Pistole, stürzte aber bei der Flucht. Lehmann warf sich auf ihn, ein Schuss löste sich, richtete aber keinen Schaden an. Schliesslich gelang es allen gemeinsam, Matter zu überwältigen. Der «Schuss» war laut Definition übrigens keiner, die Pistole war nur mit Pulver gefüllt. Matter war auf Solothurner Boden dingfest gemacht worden und der Kanton Aargau verlangte die sofortige Überstellung. Was mehr oder weniger prompt geschah.

Nach dreiwöchiger Haft in Aarau wurde Matter ohne Fesseln in seiner Zelle angetroffen. Er hatte beide Schlösser der Fussschellen losgesprengt. Man fand ein sichereres Gefängnis im alten Rathaus Lenzburg, dort waren trotzdem zusätzliche Schlosserabreiten fällig, bis Matter überführt werden konnte. Das geschah am 2. April, an die Wachmannschaft ergingen dabei strenge Verhaltensregeln. Im Rahmen der Verhöre wurde er Mitte Mai mit seiner ehemaligen Frau konfrontiert. Obwohl diese zugab, Tuch und Löffel erhalten und verbraucht bzw. weiterverkauft zu haben, versuchte sie Matter nach Kräften zu entlasten. Er habe ihr nie etwas gegeben und sie hätte ihm nie etwas abgenommen, sagte er laut Protokoll. Am 3. Juli wurde Matters Urteil eröffnet: 20 Jahre schwere Haft, einige Richter hatten gar Matters Tod gefordert.

Am17. Juli, dem Vorabend des Lenzburger Jugendfestes gelang Matter wieder einmal die Flucht. Wofür die Obrigkeit in den Zeitungen Häme einstecken musste. Gefangenenwart Halder und der Landjäger Stierli wurden entlassen, Vizekorporal Vogt degradiert. Matter entschwand ins Seetal, dann über die Hügel ins Suhrental und Richtung Basel. Unterwegs beging er mehrere Einbrüche, um sich Proviant, Schuhe, Geld und Kleider zu verschaffen. In Basel traf er Kemal und war umgehend wieder am Schmuggeln. Bald planten sie einen lukrativen Einbruch in Sursee. Matter hoffte, so seine Auswanderungskasse füllen zu können. Als Treffpunkt wurde der Löwen in Büron vereinbart. Dem dortigen Wirt erscheint verdächtig, dass sich der zechende Matter bald als Lüscher, bald als Lüthy ausgibt.Er ruft die Landjäger und Matter wird am 27. Juli wieder verhaftet. Fluchtversuche unterwegs und in Sursee scheitern.

Er musste nun die mit viel Aufwand vorbereite Isolationshaft – unter anderem mit besonders starken Ketten – auf der Aarburg antreten. Nach einem Ausbruchversuch im Dezember 1851 erfolgen zusätzliche bauliche Vorkehrungen und noch mehr Aufmerksamkeit. Matter versucht es trotzdem wieder und scheitert mehrmals. In der Zwischenzeit waren sogar Bemühungen im Gange, Matter in eine französische oder englische Strafkolonie zu überführen. Der Bundesrat lehnt ab. Nach einem erneuten Gesuch aus demAargau wendet der sich doch an den englischen Gesandten, nun lehnt dieser ab.

Am 11. Januar 1853 gelang Matter doch noch die Flucht. Mit einem Eisenstück feilte er über mehrere Nächte seinen Ring an, die Lücke füllte er tagsüber mit Brot. Dann legte er ein Brett über dem Ofen frei, wo er zur Backstube durchschlüpfen konnte. Via Hof konnte er sich so durch eine Schiessscharte über die Festungsmauer abseilen. Die zusammengeknüpften Bettlaken reichten nicht aus und Matter stürzte mehrere Meter ab. Er verletzte sich am Bein, blieb aber trotz Ketten an den Füssen ohne Knochenbruch. Er versteckte sich in Scheunen in der Gegend und durchfeilte mit dem spitzen Stück einer Sense die Fussketten. Bald kamer bei Johannes Lüscher, den «Spenglers» unter. Deren Nachbar, den «Huttechasper », mied er nun, wegen dessen Verrat. Als Gegenleistung für den Unterschlupf erhielten «Spenglers» Waren aller Art von seinen Diebeszügen, welche er wieder beging. Frau Lüscher plante sogar selber ein Dutzend solcher Touren. Matter wurde mehrmals beinahe aufgegriffen. Einmal konnte er den Landjägern nur noch im Güllenfass eines zugeneigten Bauern entkommen. Matter hatte allmählich genug von Frau Lüscher, die immer dreister wurde und ihm mit Denunziation drohte. Letztlich ermöglichte Matter den Lüschers deren geplante Auswanderung nach Amerika, welche am 31. August 1853 erfolgte. Matter kehrte deshalb vorübergehend doch zu «Huttechasper» zurück, bevor er sich im Elsass wieder als Schmuggler betätigte. Allerdings ohne Kemar, der inzwischen in Haft sass. Von dort aus begab er sich auch wieder auf Touren in den heimatlichen Gefilden.

Um Weinachten 1853 bekam er Heimweh, reiste aber erst an Silvester mit der Post nach Birsfelden, um sich zu Fuss über den Jura zu begeben. Unterwegs kehrte er mehrmals ein. Am 2. Januar 1854 brach er zeitig auf, er kam wegen des Schnees nur mühsam an Lenzburg vorbei und erreichte nach zwölfstündigem Marsch die Landstrasse zwischen Gränichen und Teufenthal. Dort traf er einen Gontenschwiler namensWeber, der ihn aber nicht erkannte. Beide gingen in die Herberge, um sich aufzuwärmen und einen Schoppen zu trinken. Bald kehrten einige Kulmer Amtspersonen nach einer Schlittelpartie ebenfalls ein. Man erkannte Matter und eine einstige Schulkameradin, die zufällig vor Ort war, bestätigte dessen Identität. Bei einem veritablen Handgemenge wurde er darauf festgenommen. Man brachte ihn ins Bezirksgefängnis Aarau. Dort schloss man ihn mit schwersten Ketten an die Wand, die Hände weit voneinander. Matter war geständig. Ende März folgte das Todesurteil. Erst jetzt merkte Matter, wie ernst es galt. Am 23. April abends um halb sechs kontrollierte der Landjägerkorporal seine Fesseln. Alles war in Ordnung. Bereits eine Dreiviertelstunde später wurde Matter ohne alle Fesseln ausserhalb seiner Gefängnisstube angetroffen. Er hatte sich mit den Kräften der Verzweiflung befreit.

Am 24. Mai 1854 wurde er bei den Fünflinden in Lenzburg von Scharfrichter Franz Josef Mengis aus Rheinfelden hingerichtet. Es war das letzte Todesurteil und die letzte öffentliche Hinrichtung im Aargau. Die «Neue Bundesverfassung» von 1848 hatte die Todesstrafe eigentlich bereits aufgehoben. Sie wurde allerdings fünf Jahre später wieder eingeführt, der letzte in einem zivilen Strafprozess zum Tode Verurteilte war Hans Vollenweider, der am 18. Oktober 1940 in Sarnen wegen eines Tötungsdelikts mit der Guillotine hingerichtet wurde.

Zusammenfassung von Martin Sommerhalder. Quellen: «Bernhart Matter», von Nold Halder; Herausgeber Kaspar Halder; Jahresschrift 2003 «Bernhart Matter» der Vereinigung für Heimatkunde Suhrental.